Dersfeldcr Anzcigcr.
Rp. 84. Hersfeld, den 21. Oktober. 1857*
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Der wilde ^äger.
(Fortsetzung.)
Wenn die Nacht au§ den Thälern die Berge Hinaufstieg, dann stieg ein bleicher Jägersmann von den Bergen in die Thäler hinab, abwechselnd in das worin le Bourg d'Oyssans, und in das, worin Vizille liegt. Seine Kleider waren nicht mehr die von sonst, vielmehr trug er das graue Wamms eines savoyischen Hirten, von seinem alten, unscheinbaren Hute schwankte keine Feder mehr, er hatte sich alles fröhlichen Jägerschmuk- kes abgethan, Bart und- Haupthaare- waren ihm lang gewachsen, und hingen verwirrt um Lippen und Kinn, um Scheitel und Nacken. Sein Aeußeres war verwildert, nicht so sein Herz. Obgleich von namenlosen Schmerz zerrissen, schlug es immer warm der Liebe, der Treue, der Freundschaft. Von Antoine, einem der Brüder Michelles, sowohl mit Lebensmitteln versehen, als auch in den «Stand gesetzt, das geliebte Mädchen an bestimmten Orten heimlich zu sprechen, widmete er doch nicht ihr allein die sichern Abendstunden, oft war es nur ein Kuß, ein Händedruck, ein liebes Wort, was er ihr überbrachte, oft sah er ihr nur in die treuen Augen, und dann riß er sich wieder los, und strich, unerkannt und wohl bewandert mit den geheimen Pfaden am Ufer der Flüsse, durch Busch und Wald, durch die Thäler, an den Bergabhängen, sein scharfes Auge spähte durch Dämmerung und Nacht auf den Wegen und Straßen umher, und haftete oft an dem hohen weißen Pfarrhause, und beobachtete die Thüre, wer da ein- und ausgehe. Zwei Pistolen und ein scharfes Messer in seinem Leibgurt versteckt, und sein trefflicher Strtzer dienten ihm gut gegen die ruchlose Niederträchtigkeit der Dragoner, und so war es ihni gelungen, nicht nur seinen Vater zu schützen und das ihni begangene Unbill zu rächen, sondern auch andere protestantische Bewohner der Thäler durch eine sicher treffende Kugel oder das scharfe Messer von ihren unmenschlichen Drängern zu befreien. Von
den frommen Leuten für einen Schutzgeist gehalten, war er selbst von einer hohen Macht beschützt worden, und allen Gefahren sicher entronnen. Nach einigen Wochen führte er den Krieg gegen die königliche Gewalt schon nicht mehr allein; rüstige Männer und Jünglinge, die sich den Dragonern widersetzt und im gerechten Zorn einen^oder mehrere derselben mißhandelt hatten, dann aus Furcht oder der Uebermacht weichend in die Gebirge geflohen waren, trafen mit dem einsamen Jäger zusammen, er wußte ihnen durch den Förster, bei welchem er als Gehülfe gestanden, Gewehre, Pulver und Blei zu verschaffen, bald beseelte sie sein Geist, und ihre feste Hand decllmrts. die Bekehrer und kühlte ihren Eifer ab. Dieser erfolgreiche Widerstand reizte den Kanzler geteilter zur Wuth; mit neuem, gewaltigem Schrecken ging die Kunde durch die Thäler, daß noch drei Mal mehr Soldaten kommen und Alles niedermachen sollten, was nicht sogleich die Liesse hörte. Diese Gerüchte veranlaßten Hunderte von Familien zur Auswanderung; aber nun langte auch der strenge Befehl an, die Grenze scharf mit Soldaten zu besetzen und Niemand passireu' zu lassen. Dieses Machtgebot wurde nur zu pünktlich ausgeführt. Aus allen Gebirgswegen und Pässen lagerten Tag und Nacht zahlreiche Pikets, die Jeden mit Hohn und Spott und den drohend entgegen gehaltenen Waffen zurückwiesen, der nach Savoyen oder der Schweiz wollte. Eine jammernde Verzweif- lung erfaßte die friedlichen Thalbewohner. Da vermehrte sich schnell die Genossenschaft Lucas Selliers, der Freunden und Feinden unter dem Namen des wilden Jägers bekannt war. Nur wenige vertraute Freunde kannten seinen wahren Namen und seine Verhältnisse, und diese beobachteten darüber die tiefste Verschwiegenheit. Die Schaar des wilden Jägers zählte über hundert Köpfe, und hatte ihr Lager in einer sonst nur den Jägern bekannten Höhle des engen düstern Nomanchethales. Sobald sie von der Absicht eines Haufens von Thalbewoh» nein, auszuwandern, unterrichtet worden waren, erkundigten sie sich nach dem Wege, welchen diese Leute zu