Hersfeldcr Anzeiger.
9tt* 83. Her-feld, den 17. Oktober. 185?.
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Kassel, am 15. Oktober 1857.
Seine Königliche Hoheit der Kurfürst und Allerhöchstderen Gemahlin, Ihre Durchlaucht die Fürstin von Hanan, haben heute, nach aufgehobenem Hoflager zu Wilhelmshöhe, das hiesige Residenz- Palais bezogen.
Der wilde Vager.
(Fortsetzung.)
So hitzköpfig und unbeugsam auch der Pfarrer Sellier in seiner Familie und seiner Gemeinde war, so sehr fehlte es ihm doch, der überlegenen Gewalt gegenüber, an persönlichem Muth, und er versuchte nicht, sich den Soldaten thätlich zu widersetzen, oder die calvini- schen Einwohner Vizilles und der Umgegend gegen sie aufzureizen; nur wenn er hörte, daß sich Jemand auf die Liste der Bekehrten hatte setzen und zur Messe treiben lassen, entstammte sein Zorn und würde ihn alsdann gewiß ein Mal zu einer Unbesonnenheit verleitet haben, worauf der Rittmeister der Compagnie nur zu warten schien, um ihn festnehmen zu lassen, wenn nicht Maries gewaltsamer, von ihr selbst gesuchter Tod einen fast lähmenden Einfluß auf sein ganzes Wesen ausgeübt hätte. Seit jenem Tage war er weit ruhiger als sonst, man sah ihn fast immer in sich gekehrt, nnd in Gedanken versenkt; die vorwurfsvollen Thränen und Blicke seiner Frau schienen sich allmählig einen Weg zu seinem Herzen gebahnt zu haben und die starre Härte desselben zu erweichen. Dazu kam, daß die Wege des Pfarrers ein Genius zn umschweben schien, der ihn aus jeder drohenden Gefahr rettete. Es war von den Dragonern beschlossen worden, das calvinische Leichenbegängnis; des alten Gärtners mit Gewalt zu hindern und der Rittmeister der Compagnie hatte bereits den Befehl dazu gegeben, Der Pfarrer seinerseits sich auch gerüstet, eine kräftige Rede am Grabe des unglücklichen Mannes zu
halten und man sah daraus, daß es zu Thätlichkeiten kommen würde, bei denen der schwache Geistliche den Kürzern ziehen müsse, als in der Nacht noch ein Dragoner mit den; strengen Befehl des Obersten von Gre- noble ankam, daß die Compagnie mit der ersten Tageshelle aufbrechen und nach Allevard marschiren solle. Der Rittmeister gehorchte, und der Gärtner wurde ruhig begraben, der Pfarrer donnerte ungehindert seine kräftige Rede, die ihm im Beisein der Dragoner wahrscheinlich selbst den Tod zugezogen haben würde. Aber schon am folgenden Tage ergab es sich, daß der Rittmeister getäuscht worden und der Befehl falsch war; die Compagnie kehrte mit erhöhter Wuth nach Vizille zurück. Ein ander Mal ging der Pfarrer Abends von einem benachbarten Dorfe heim, wo er heimlich ein Kind getauft hatte; aus dem Wege begegneten ihm mehrere Dragoner an einer Stelle, wo derselbe am abschüssigen Ufer der Romanche hinführte. Sie schienen ihm entgegen geschickt zu sein; denn kaum hatten sie ihn erkannt, als sie ihn mit den unwürdigsten Schimpfworten belegten und in das Wasser hinabzustürzen droheten. Aber kaum hatte einer der schlimmen Gesellen Hand an ihn gelegt und der Pfarrer sich zur Wehr gesetzt, als plötzlich unter dem Ufer ein verhüllter Wann auftauchte, den Soldaten von hinten faßte, mit kräftigem Arme in den Fluß hinabschleuderte, einem Zweiten einen Messerstich versetzte, daß er schreiend zusammenbrach, und einen Dritten, der mit den übrigen floh, mit einem Pistolenschuß erlegte, dann aber eben so schnell selbst wieder im Gebüsch des Ufers verschwunden war.
Der Pfarrer schien zu ahnen, wer dieser sein Beschützer sei, aber er wagte seiner Frau den Namen desselben nicht zu nennen, inzwischen fanden ihre laut gewordenen Anklagen, daß das betroffene Unglück eine Strafe seiner grausamen Strenge sei, immer mehr Eingang bei ihm. Tagelang saß er brütend in seiner Stube, und war schon mehrmals im Begriff, das Instrument, worin er seinen ältesten Sohn enterbt, wieder vom Gerichte zurück zu nehmen, bis die Angelegenheit, über die