Hersfelder Anzeiger.
Rv. 7S. Hersfeld, den 3. Oktober. 185^
Der „Hersfelder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. — Preis desselben bei der Expedition (Neumarkt Nro. 587) pro Quartal 7 Sgr. 6 Hllr.; bei den Postanstalten kommt der üblich Postaufschlag hinzu. — Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Zeile oder der Raum mit 8 Heller, bei Wiederholungen mit 6 Heller berechnet.
Der wilde Jäger.
(Fortsetzung.)
Die Glocken zu le Bourg d'Oyssans läuteten zur Messe. Die Feuer der Eisenfactorei waren verlöscht, die Hämmer ruhten. Im Garten am Hause stand ein liebliches Mädchen festlich geschmückt und pflückte sich einen Rosenstrauß. Ihr Auge hing mit warmen Blicken an den gegenüberliegenden'Bergen, während ihr Raschen wollüstig im Kelch einer Rose wühlte. Plötzlich sprang ein grüngekleideter Mann flink über den Zaun, und eilte auf sie zu. ES war Lucas, der Jäger. Des Mädchens Ueberraschnng äußerte sich in einem unwillkürlichen Schrei, dann lief sie dem Jäger entgegen, der einen Augenblick darauf an ihrer Brust lag.
„Schon heute früh?" fragte sie traulich. „Ich hatte Dich erst Nachmittag erwartet. Nun herzlich willkommen! Aber Du bist wieder einmal recht düster. Fort mit den Falten auf der Stirn! Wenn Du bei mir bist, mußt Du lachen und freundlich sein."
„Froh bin ich jedes Mal und fast nur bei Dir. Darum sehne ich mich immer und immer nach Dir. Es wird auch heute noch gelingen."
„Es ist Dir etwas begegnet, Luc; ich keune Dich zu genau," fuhr das Mädchen fort, indem sie mit der kleinen Hand über sein Gesicht strich, und als es sich nach dieser als practisch bewährten Procedur noch nicht ganz aufgeklärt hatte, fragte sie: „Hast Du vielleicht schon von den königlichen? Dragonern gehört, die Euretwegen in Grenoble angenommen sind?"
„Dragoner? Unsertwegen?" suhrLucas auf. „Ich weiß von nichts und komme aus dem Gebirge, wo wir selten etwas bald erfahren. Auch brächte ich die Nacht nicht zu Hause zu, und deshalb sag' an, was hat es mit den Dragonern zu bedeuten?"
„Der Vater hatte gestern, wie alle Samstage, Ablieferungen in Grenoble. Dort war eben eine "Menge Dragoner eingerückt, und in der ganzen Stadt sprach man davon, der König habe sie von Paris geschickt, da
mit sie die Hugenotten in der Stadt und Umgegend zum wahren Glauben zurückbringen sollten. Es hieß, sie würden schon heute Eure Kirchen dort verschließen, und auf des Königs strengen Befehl alle Leute von cal- vinischem Glauben mit dem Schwerte zwingen, die Messe zu hören."
„Gott schütz' uns!" rief der Jäger bewegt. „Ist es dahin gekommen, daß wir wieder mit dem Schwerte bekehrt werden sollen? Lieber wollt' ich das Land meiden."
„Und ich? Was sollte aus mir werden?" fragte das Mädchen zutraulich.
„Du wanderst mit mir. Unser Loos ist unzertrennlich, Michelle, Du hast mir Dein heiliges Wort gegeben, und ich Dir das meinige. Uns kann nun kein menschlicher Wille mehr trennen, weder der eines calvi- nischen Pfarrers, und wenn er mein Vater wäre, noch der eines katholischen Königs und aller seiner Dragoner."
„So hör' ich Dich gern, Luc!" rief das Mädchen freudig, „dann leuchten Deine Augen, wie die Krystallen, und noch viel schöner; denn so herrlich und ausdrucksvoll glänzt keiner, und wenn ihn Dein Bruder noch so gut schliffe. Ich denke auch immer, die Liebe müsse doch über den Glauben gehen. Wir lieben ja auch Beide Gott und Jesum Christum, und thun was recht ist. Wenn ich Dir's gestehen soll, ich kann gar keinen großen Unterschied zwischen meinem und Deinem Glauben finden, am wenigsten einen, der mich veranlassen könnte, Dich nicht zu lieben."
„Gottlob, daß dieß meine Meinung auch ist!" rief der Jäger froh. „Mag es nun kommen, wie der Himmel will. Ein Kind soll seinen Aeltern gehorchen, aber doch nur in allen billigen Dingen. Wenn mein Vater mit mir über die Berge ginge, durch die Wälder streifte, den Fels erklimmte, das Rauschen der Bäume vernähme und den durch ihre Zweige brechenden Glanz sähe, wenn er Gottes Pracht und Herrlichkeit aus seinen Werken verstehen lernte, und nicht Tag und Nacht über den düstern Büchern brütete, ich glaube, er würde auch denken, wie ich. Wenn man Gott und alle Menschen liebt,