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Dersfelder Anzeiger.

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Hersfeld, den 29. Juli»

1857*

DerHersfelder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. Preis desselben bei der Expedition (Neumarkt Nro. 587) pro Quartal 7 Sgr. 6 Hllr.; bei den Postanstalten kommt der übliche Postaufschlag hinzu. Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Zeile oder der Raum mit 8 Heller, bei Wiederholungen mit 6 Heller berechnet.

Der schwarze Tod, die Geißler u. die Juden im vierzehnten Jahrhundert.

Von Dr. Müller in Nürnberg.

Der schwarze Todnoch jetzt lebt die Erinnerung an dieses entsetzliche Ereigniß des vierzehnten Jahrhun­derts, freilich mit sagenhafter Ausschmückung, in unserm Volke. Es schien damals, als stehe nun der oft geahnte Weltuntergang unmittelbar bevor. Die leblose Natur rang in unerhörten Zuckungen und das Lebende fand in diesen zu einem schrecklich großen Theile den Untergang. Durch drei Kontinente schritt jene Pest mit verheeren­dem Fuße und ihre Spuren bezeichnete eine nur durch das Klaggeschrei der Ueberlebenden unterbrochene Ver­ödung.

Nach den alten Berichten war China der erste Schauplatz der Seuche. Hier brach sie wahrscheinlich aus. Wie erzählt wird, wurden schon im Jahr 1333 mehrere Provinzen dieses Reiches von Dürre und Hun­gersnoth, dann von den furchtbarsten Regengüssen heim­gesucht. Hierauf stürzten Berge in sich zusammen, die Erde borst, Kanton wurde durch Ueberschwemmungen, und Tehe nach einer Dürre durch eine Seuche verheert, welche an fünf Millionen Menschen dahin gerafft haben soll. Gleichzeitig wurden andere Provinzen von Dürre, Ueberschwemmung, Heuschreckenschwärmen, Hungersnoth und Seuchen heimgesucht, und so währte in China das Toben der Elente unausgesetzt bis zum I. 1347. Im Ganzen sollen dort an dreizehn Millionen Menschen ih­ren Untergang gefunden haben.

Aehnliche Erscheinungen kündigten in unserm Erd- theile das Schreck,niß an. Die Vulkane waren in un­gewöhnlicher Thätigkeit. Auffallende Veränderungen in der Atmosphäre, Gewitter in nngemeiner Zahl, Regen­güsse, Ueberschwemmungen »nd Mißernten traten ein. Noch mehr steigerten sich diese Vorboten, als die Seuche bereits ihre Wanderung begonnen: Erdbeben, Meteore, Feuersäulen kamen dazu. Alle diese Ereignisse aber machten die Menschheit für die Schrecken der Seuche allenthalben besonders empfänglick. Unaufhaltsam drang

sie vorwärts durch die weiten Ebenen und hohen Ge- birgszüge Asiens bis an die Küsten des Mittelmeeres. Ein Brennpunkt von wo aus die Strahlen wiederum nach den verschiedensten Gegenden hin den verderblichen Funken leiteten, war die Krim. Konstantinopel, die zahlreichen Hafenstädte Kleinasiens, Syriens und Aegyp- tens fühlten bald in schmerzlichster Weise dessen ver­heerende Wirkung. Die Handelsschiffe brachten den ver­derblichen Fremdling in die italischen und französischen Seestädte, von wo aus dann wie eine unaufhaltsame Flut der unsägliche Jammer sich ausdehnte.

Das Tieferschütternde dieses beispiellosen Ereignis­ses liegt in dessen großartiger Furchtbarkeit, in der All­gewalt, womit es alles Leben von der zuckenden Erde wegzutilgen drohte. Wählt auch mancher der alten Berichterstatter zur Ausführung des Schreckensbildes vielleicht hier und da zu grelle Farben: auch nach einer Milderung des Colorits üben die Züge auf uns, die calculirende Nachwelt, eine erstarrende Wirkung. Die Gesammtzahl der im Oriente Hinweggerafften, wahr­scheinlich mit Ausnahme von China, wurde auf 23,840,000 angegeben: In Florenz starben 60,000; in Venedig 100,000; in öfena 70,000; in Straßburg 16,000; eben so viel in Erfurt; in Danzig 13,000; in Weimar 5000; Barfüßermönche in Deutschland 124,434; Minoriten in Italien 30,000! Die Gesammtzahl der in Europa vom schwarzen Tode Hinweggerafften berechnet ein be­rühmter Arzt auf den Grund der Annahme, daß im Durchschnitte der vierte Mensch starb aus fünfundzwanzig Millionen!

Ueber die äußeren Krankheitserscheinungen sind die Nachrichten unter sich etwas verschieden.Die meisten Kranken wurden zuerst von heftigen stechenden Sckmer- zen an verschiedenen Theilen und starkem Froste befal­len. Dann erst brachen die Pestbeulen und Pestblattern aus, iu deren Folge das Faulfieber, der Kopfschmerz, der unerträgliche Geruch entstanden. Bei Anderen zeig­ten sich Karbunkeln; Soporöse waren unrettbar verlo­ren. Die Kranken starben am ersten, zweiten oder drit­ten Tage. Eintretendes Blutspeien konnte durch nichts