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Nr. 49* Hersfeld, den 20. Juni. 1857.

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Das «Kropfthak in Obersteyermark.

Wer jemals, aus dem Tannenwald bei Zackt nie­dersteigend, die blauen, schöngezierten, mit ewigem Schnee bedeckten Berge sah, die Yen südlichen Eingang des Kropfthales hüten, die in Schleierfällen von der Fels­krone über der Alm herniederschwebend, es in hundert­fachen Windungen dnrchäderu, bald spannbreit, kaum sußtief und krystallweiß über eine Mosaik von farbigen Riefeln rinnend, bald mit lasurblauen oder smaragdgrü­nen Wellen das Mühlrad peitschend, der wird, wenn er aus dem Geräusche der Welt sich ins Hochland zurück- ziehen will, sich schwerlich ein reizenderes Asyl wünschen, als dieses abgelegene Thal mit seinen fünf saubern Dör­fern an der Berglehne. Die Kräuter auf den Mallen sind würziger, die Ziegen flinker und die Schafe mit feinerem Vließe bekleidet, als anderswo; die Bewohner des Thales sind jedoch mit Kröpfen gesegnet, ohne Aus­nahme. Alles, vom Greise bis zum Jünglinge, vom Schulzen und Schullehrer bis zum jüngsten Gaishirten herunter, trägt dieselbe Zierde, und der Gaishauer setzt den grünen, mit Alpenblumen geschmückten Spitzhut darum ntM' minder lustig auf's Ohr. Es ist hübsch, die Leute beim Sonntagstanze oder bei einer Procession versammelt zu sehen; der Kröpf giebt Allen einen ver­schiedenen Ausdruck: Einen macht er besonders ehrbar und würdevoll, den Andern besonders schelmisch und sanft. Das Völkchen hat sehr geringen Verkehr mit der übrigen Welt; les denkt nicht daran und glaubt kaum, daß Millionen sich auch ohne Kröpf behelfen.

, ungefähr achtzehn Jahren kamen zwei Fremde, ein Arzt und ein Maler, in das kleine Paradies; jener um zu botanisiren; dieser, um landschaftliche Studien zu machen. Beide beschlossen, einige Zeit zu bleiben, und fanden gastliche Aufnahme bei dem reichen Haus Sterzing in Gmiterfelden, dessen Tochter für die größte Schönheit des Qiales galt. Anfangs wurden die Frem- dem, wie Meerwunder angesehen und belächelt, aber nach wenigen Tagen hatte sich das Publikum an ihren Anblick gewohnt, und der dortige Schullehrer verbot der hoff­

nungsvollen Jugend auf's Strengste, ihnen mit Geschrei und Gelächter nachzulaufen, indem er sagte:Es ist sündhaft, einem Menschen körperliche Gebrechen vorzu- werfen und am Ende könne Einer auch ohne Kröpf ein braver Christ sein und in den Himmel kommen." Das­selbe sagte der Schulze und der Müller in der Schenke, und seitdem wurde der Arzt und der Maler allerseits mit stiller Theilnahme behandelt. Ersterer aber vergalt diese Freundlichkeit schlecht.

Marie Sterzing hatte eine feine Gestalt, ein sanf­tes Auge mit langen seidenen Wimpern, und trug ihr Kröpfchen so zierlich' wie eine Taube, wenn sie den Kopf zu ihrem Tauber emporhebt und den weißschwellenden Hals vorbeugt. Der Arzt nahm ein doppeltes Interesse an dein Mädchen; er gewann bald ihr und ihrer Mutter Vertrauen und bewies, daß Marie nur deshalb so schön sei, weil sie den kleinsten Kröpf im Thale habe. Dieser Grund besiegte die Furcht der Alten und sie willigte nach langem Sträuben darin, Marieen behandeln zu lassen, natürlich in tiefster Heimlichkeit. Der Arzt glaubte in seiner Cur Fortschritte zu machen und rieb sich vor Freuden die Hände.

Du bist ein Weltverbesserer und wirst Unheil stiften," sagte warnend der Maler. Aber der Arzt hörte nicht auf den guten Rath und braute und filtrirte so lange, bis das Unglück hercinbrach. Des Müllers Jockel und des Schulzen Seppel, gegen welche Marie seit kurzem stolz und kühl geworden war, belauschten sie beim Heumachen. Sie sahen, daß sie ein geheimnißvol­les Fläschchen im Busen verborgen trug und, als sie sich unbemerkt glaubte, mit einem grünen Zauberwasser sieb eilig und eifrig den Hals wusch uud darauf drei Mal bekreuzte. Nach einer Stunde ging ein dumpfes' Ge- murmel durch's ganze Dorf. Die Väter der eifersüch­tigen Burschen saßen bis in die späte Nacht beim Pfar­rer, und am andern Morgen, Sonntags, predigte dieser über die Neuerer und Ketzer, die den Menschen mit Ge­walt anders machen wollten, als der liebe Gott ihn er­schaffen habe. Er blieb nicht bei leeren Anspielungen sondern er deutete auf das räudige Schaaf, welches,