Nr. 43. Hersfeld, den 30. Mai. »857.
Der „Hers seid er Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. — Preis desselben bei der Expedition (Neumarkt Nro. 587) pro Quartal 7 Sgr. 6 Hllr.; bei den Postanstalten kommt der übliche Postaufschlag hinzu. — Anzeigen aller Art werden aufgenommen und die Zeile oder der Raum mit 8 Heller, bei Wiederholungen mit 6 Heller berechnet.
Seine Königliche Hoheit der Kurfürst haben allergnädigst geruhet:
dem zur erledigten Pfarrei Eisen in der Klasse Zierenberg präscnlirten außerordentlichen Pfarrer Ludwig Ende man» aus Breitenau die «Ucrhöchstlandesherrliche Bestätigung zu ertheilen.
Eitt Crimmalfall aus Marseille.
(Fortsetzung.)
Unter diesem Rausche der Sinne erschien nur allzubald die Stunde, in welcher die Unschuld ihrer Seele unwiderbringlich verloren ging, und ein quälendes Be- wußtseiu der kurzen, verhängnißvollen Llist nachfolgte.
„Wie geschreckt von einem grausen Fluche, Der aus einem Himmel mich verstieß, Fahr' ich zitternd aus und suche Mein verlor'nes Paradies.
Psyche schwebt durch Rosenzweige;
Alles blüht in heiterm Licht.
Stimme der Verführung schweige!
Aber ach! sie schweiget nicht.
Psyche, trotz lem Warnungsruse,
Hört den Zauberton der Welt,
Neigt sich von der Götterstnfe
Lüstern nieder, horcht und — fällt.
Psyche fällt! Ein dunkles Ahnen
Zittert um die Büßerin,
Wie das Graun erzürnter Manen, Durch die sanften Rosen hin."
Ticdge.
„.Die Lage des Mädchens war schrecklich. Noch blreb ihre Schuld unbekannt. Doch der Anblick ihrer ehrwürdigen Aeltern, der reinen Geschwister, vergiftete ihr Bewußtsein und die Furien trieben sie aus dem entweihten Tempel der Häuslichkeit. Nach einem hefti
gen innern Kampfe siegte der Einfluß Matraccia's und Lucrezia ward sein willenloses Opfer. Sie entfloh mit dem Verführer aus dem väterlichen Hause.
Die ganze Familie war wie vernichtet, doch Cam- pisano wollte, dem guten Hirten gleich, das verirrte Schaf am Abgrunde aufsuchen. Es gelang ihm, das Versteck des buhlerischen Paares auszufinden, und an seiner Hand betrat die verlorene Tochter auf's Neue den vertrauten Kreis, aber Glück und Frieden kehrten mit ihr nicht wieder. Der edelste Schatz eines Mädchens ist nur einmal zu verlieren und niemals wieder zu gewinnen. Hat sie ihn hingegeben, so ist sie in der Regel mit unzerreißbaren Banden in ihr Verhängniß verstrickt. Matraccia hatte jetzt viel leichteres Spiel, sie zu einer wiederholten Flucht zu überreden, und die gramvollen Aeltern gewannen die Ueberzeugung, daß sie die Verehelichung des jungen Paares zugeben müßten, obgleich sie daraus die schlimmsten Folgen befürchteten.
Leider ließen diese nicht lange auf sich warten. Matraccia, schon vorher ohne Grundsätze und ohne sitt- 'liche Kraft, seit Jahren der Liederlichkeit hingegeben, legte seinen verderbten Neigungen jetzt keinen Zügel länger an. Er glaubte sich gegen die Familie alles erlauben zu dürfen, und die wilde Bande, die zu ihm gehörte, durchtobte das stille Haus, das dem Uhrmacher in eine Höhle, worin böse Geister ihren Spuk treiben, verwandelt zu sein schien. Der Abschaum seiner Nation bildete den geselligen Kreis Matraccia's, und mit ihn, feierte er wilde Gelage in dem Hause des Uhrmachers. Campisano ertrug schweigend sein Unglück; allein seine Frau, Achille und Diana, welche die Gesundheit des biedern Greises unter der Last dieser Leiden'dahin schwinden sahen, machten dem anfgedrungenen Schwiegersöhne und Schwager häufig die bittersten Vorwürfe. Bessere Gefühle riefen sie dadurch nicht wach, aber Haß und Rache, welche die glühende Brust Matraccia's durchtobten, fanden in jeden, solchen Wortwechsel frische Nahrung. Von besonderer Heftigkeit war ein solcher Vorgang am letzten Tage des vorigen Jahres, ein Zeitpunkt, der ehedem immer die Familie zu einem jener ge-