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Nr. 41

Hersfeld, den 23. Mai

1851t

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Ein Criminalfall aus Marseille.

Der Uhrmacher Campisano, ein geschickter Meister in seinem Fache, hatte Sicilien, seine schöne heimathliche Insel, mit Frau und Kindern vor Jahren aus Grün­den verlassen, die leicht zu erklären sind. Ohne in be­sonderem Grade an den politischen Bewegungen seines Vaterlandes betheiligt gewesen zu sein, war er nur der allgemeinen Strömung der Zeit gefolgt und da im Kö­nigreiche beider Sicilien ohnehin genug Aufständische zu bestrafen waren, so hatte man ihn unbehelligt ge­lassen. Er konnte aber nicht mehr Freude und Frieden in einem Lande finden, wo das schleichende Mißtrauen auch an beut Hause des ruhigen Bürgers nicht vorüber ging. Daher verkaufte er sein Eigenthum und übersie- delte nach Marseille. Frankreich ist freilich nicht der Boden, auf dem ein Mann in ungestörter Ruhe zu le­ben hoffen darf, doch der Fremdling, unbekannt mit allen öffentlichen Interessen, welche die Gemüther erre­gen, wird von den Vorgängen weniger unmittelbar, als an der Stätte seiner Geburt berührt, wo Alles, was seine Mitbürger, seine Verwandten und Freunde, seine Gemeinde und sein Vaterland betrifft, zugleich an ihn heran tritt und seine Theilnahme anspricht.

Campisano war überdies fest entschlossen, die Gasd freundschaft des Landes, das ihn ausgenommen, nicht -zu mißbrauchen. Regierung und Volk mochten ihre Strei­tigkeiten mit einander ausmachen ihm, bem Sicilia- ner, war nur daran gelegen, durch redlichen Fle ß die Mittel zu erlangen, ein friedlich gestaltetes Hauswesen zu führen. Und das erreichte er, obgleich der Kreis der Familie sich durch die Geburt zweier Kinder erwei­terte und die Zahl derselben auf sieben Heranwuchs.

Da vor dem Schwurgericht zu Aix, wo am 12. Fe­bruar d. I. der Fall, den wir bald erzählen wollen, verhandelt wurde, nur die fünf ältesten Kinder in Be­tracht kamen, so wollen wir die Namen und ihr Alter sogleich anführen: Lucrezia 21, Achills 18, Diana fast 17r Angelo 15, Rosine 12 Jahr. Die glücklichen Ael-

tern freuten sich dieser schönen, wohlgewachsenen Kinder aus deren Augen das südliche Feuer leuchtete, das in ihrer Brust glühte. Die Familie Campisano war in der ganzen Nachbarschaft geliebt und geachtet. Eintracht, rzrieden, Zärtlichkeit herrschten in die ein Hause, dessen Zufriedenheit, dessen Wohlfahrt sich unter allen Auf- regungen der Zeit gleich blieb. Man hielt das Glück des Uhrmachers für gesichert und er selbst lächelte still vergnügt, wenn seine Freunde von den Freuden sprachen, die seine Kinder ihm bereiteten, von den Hoffnungen, zu denen er berechtigt sei. Durch unermüdete Anstreng­ung tu seinem Geschäft, durch treue Sorgfalt bei Er­ziehung seiner Kinder, durch das edle Beispiel, welches Vater und Mutter diesen gaben, glaubte Meister Cam- Piwno den Anspruch auf einen solchen Lohn eines mühe­vollen Lebens erworben zu haben und mit ungetrübtem SSlide fab er der Zukunft entgegen.

^^ dch finstere Macht, welche diesen Temvel haiislichen Glücks in wüste Trümmer stürzen sollte, trat raich und nngeahndet heran

Schau! ich bin das Elend-spricht daß Leben

e«^eltund Du bist mein Sohn!"

Was den Menschen elend zu machen bestimmt ist, tritt ihm meist in glänzender, verführerischer Maske entgegen. Auch in Campisano's Haus erschien das Un= Sl"ck m der Gestalt von Schönheit, Jugend und Frische.

Es klopfte eines Tages an die Thür der stillen Behausung und als sie mit einem raschen Drucke der Hand geöffnet wurde, stand auf der Schwelle wie in einem Rahmen das herrliche Bild eines kraftvollen Jünglings. Vater und Mutter suchten vergebens diese entwickelten Zuge in ihrer Erinnerung auf, doch Lucre­zia flog ihm entgegen.

Matraccia!" rief sie dem Gespielen ihrer Kindheit zu und mit diesen Worten fiel es den Aeltern wie Schuppen von den Augen.

Der Sohn des Freundes, des Nachbarn aus der alten Heimath stand ja vor ihnen und wurde mit offe­nen Armen, mit jenem lebhaft aufwallenden Gefühl empfangen, das aus den unvertilgbarsten Neigungen der