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Np. LS. Hersfeld, den 6. Mai. 185?.

DerHersfelder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. Preis desselben bei der Expedition (Neumarkt Nro. 587) pro Quartal 7 Sgr. 6 Hllr.; bei den Postanstalten kommt der übliche Postajülchlaa Unzu. Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Zeile oder der Raum mit 8 Heller, bei WiederhollMgen mit 6 Heller berechnet.

Prinz Lieschen.

Eine Geschichte für Mädchen, die hoch hinaus wollen.

(Fortsetzung.)

_ _ Wer in Sachsen bekannt ist, weiß auch, wo das Städtchen Schellenberg liegt, und daß oben auf dem Gipfel des Berges, zu dessen Füßen das Städtchen liegt, das prächtige Schloß Augustusbnrg steht. Dazumal war's prächtig eingerichtet, denn der Kurfürst von Sach­sen, der zugleich auch König von Polen war, August, der Starte genannt, kam dann und wann einmal, da­hin, wenn er nid)£ Besseres zu thun wußte, als zu ja­gen. Ueber das L-chloß war ein adeliger Herr gesetzt, der Herr von Günther, der hen seltsamen Titel: Ober­fischmeister führte, wahrscheinlich, weil er die Aussicht über die Fischereien führte, oder geführt hatte. Es gibt halt allerlei närrische Titel in der Welt, und die Leute bilden sich etwas drauf ein. Das Sprüchwort sagt:Jedem starren gefällt seine Kappe!"

Wer dem Herrn Oberfischmeister von Günther nachgesagt hätte, er wäre Schuld am Kriege, oder daß die Frösche keine Schwänze haben oder gar, er hätte ras Pulver erfunden, der wäre ein arger Lügner gewe- fen. Hätte aber Einer gesagt, wie man sich bei uns auszudrucken pflegt, er habe einen Schuß mit der Pelz- kappe gekriegt, was zu deutsch soviel heißt, als er sei

-^vost er sei sehr dumm der hätte die -lLahrhert getroffen. Keine hervorstechende Eigenschaften, als dre der Dummheit haben, ist überall schlimm, vorab am Hofe eines Fürsten. Da sah man's bald genug ein, könne den alten Mann zu nichts brauchen, als höchstens zum unfreiwilligen Hofnarren. Dazu war er erstens zu vornehm, zweitens zu alt und drittens zu gutmüthig. Da sandte man ihn denn mit dem Titel: Oberstichmeister nach Augustusburg.

Der Titel gefiel ihm schon; auch die Ruhe, zumal er drck und fett war; aber daß er nicht mehr am Hofe war,, Nichts mehr galt, das wurmte ihn gewaltig. Ue- verdreß plagte ihn die Langweile da oben. Drunten

im Städtchen Schellenberg wohnte ein Amtmann, der war zufällig auch am Verstände zu kurz gekommen, und war ungefähr ebenso ein Pfiffikus, wie der zu Augn- stusburg; aber er war ein Lügner und Windbeutel, wie kein zweiter in Sachsen, wo's doch auch an Windbeu­teln nicht fehlt. Er log sich meist so fest, das er's am Ende selber glaubte.

Niemand ist aber schlimmer dran, als ein dummer Lügner. Dem sehen's die Leute schon an der Nase an, daß er lügt, weil eben, was er erzählt nicht klappt. Der mußte just so einen haben, wie den Oberfischmeister. Dem log denn der Amtmann alle Tage was Neues vor, und der glaubte e^ und freute sich, weil er Zeit­vertreib hatte. Eines Tages kommt er wieder, und als Beide bei einer guten Flasche sitzen, sagt der Amtmann: Haben denn der Herr Oberfischmeister gehört, daß un­ser Allergnädigster Kurfürst und König mit des Kron­prinzen Hoheit so ein Bischen auseinander oder strei­tig sind?

Wa wa was ? fragt dieser mit starrem Entsetzen.

Ja, fährt der Amtmann fort (und dießmal ist es nicht eine von ihm erdachte Lüge, sondern ein Schalk von Dresden hatte es ihm geschrieben, weil er ihn kannte), ich hab's Schwarz auf Weiß.

Ist ja ganz entsetzlich! ruft der Oberfischmeister aus, und schlägt die Hände zusammen, daß es klatscht.

Ja wohl, sagt der Amtmann mit bedauerlicher Miene.

Wissen denn der Herr Amtmann nichts Näheres? fragte jener. Ich kann schweigen, wie das Grab!

Weiß wohl, sagte der Amtmann. So hören Sie denn: Des Kronprinzen Königliche Hoheit wandern im Lande herum, ganz mutterseelenallein?, ohne einen Kam­merdiener selbst, das hohe, edle, junge Blut! Daß aber so ein Kalif Harun al Raschid in der Seele steckt, das geht daraus hervor, daß Jhro Hoheit überall fragen und forschen, Alles genau untersuchen, und gerne die um das Land verdienten Männer kennen lernen wollen. Man­cher baut sich wohl da im Stillen die Brücke zu hohen Würden und Ehren!