Hervseldcr Anzeiger.
NtV. 35, Hersfeld, teil 2. Mai. L8LN.
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Seine Königliche Hoheit der Kurfürst haben allergnädigst geruhet:
dem Herzoglich Biaunschweigischcn Kammerherrn Freiherr» s-c n M ünchhaus«>! da» Commandeurkreuz zweiler Classe des Kurfürstlichen Wilhelmsordens zu verleihen, uud
den Kaufmann Theodor Wagner zu Galveston zum Kurfürstlichen Consul daselbst zu ernennen.
Prinz Lieschen.
Eine Geschichte für Mädchen, die hoch hinaus wollen.
In der Herrschaft Schönburg, im Königreich Sachsen, liegt das Städtchen Lunzenau. Nicht sonderlich groß ist's, aber recht gewerbfleißig und betriebsam, und wohnen viel brave Leute drin. Am Ende des siebzehnten Jahrhunderts lebte in Lunzenau ein Zeugweber, der Apitzsch hieß. Er war eiü stiller, braver Mann, der bei allen seinen Nachbarn beliebt war, und im besten Rufe stand—aber es ging ihm, wie heutzutage vielen Webern, die Zeit war schlecht, und sein Webstuhl brackte ihm wenig ein. Der Mann hatte bessere Tage gesehen, war reich gewesen, hatte eine Anzahl Gesellen gehabt, aber sein blühendes Geschäft war in Rückgang gekommen, und jetzt plagte er sich Tag und Nacht allein und brächte doch nichts voran, ja kam kaum aus. Das war nicht seine Schuld. Unglücksfälle lange Krankheiten,
der Zeiten hatten seinen Wohlstand zerrüttet. Er selber war sparsam. Nie sah man ihn, wie andere fernes Stands, Sonntags im Wirthshaus; er gab für sich die ganze Woche keinen Kreuzer aus. Es war traurig, aber es war so, das ließ sich nicht leugnen, eaß oft Mangel und Noth in seinem Hause war. Er darbte und arbeitete, und war zufrieden; allein es war
Zkinand in seinem Hause, der nicht so demütbig, geduleig un^ ergeben die Noth trug, das war seine Tochter Lieschen. '
Es ist ein großes Unglück, wenn ein Kind frühe die liebende, sorgfältig wachende Mutter verliert. Noch V limmet ist es für ein Mädeben, wenn es sich selber
zieht. Kommt aber noch Jemand hinzu, der ihr den Narren einpsropft, und ihr im Kopfe schwindelig macht, dann steht's vollends schlinim. So ging's dem Lieschen. Ihr war die Mutter frühe gestorben. Da pflegte nicht die mütterliche Sorgfalt das Heilige im Gemüthe. Lieschen war hübsch, sogar sehr hübsch, und in ihrem Wesen, in ihrer Haltung lag so etwas vornehm Hochmü- thiges, daß man hätte meinen sollen, sie stamme aus gräflichem Blute. Wie das in das eitle Ding kam? Du lieber Gott, von ihrem stillen demüthigen Vater kam es nicht; aber da lebte nicht weit vom Thore in Lunzenau eine alte Base, die's gar nicht verbeißen konnte, daß nie Einer um sie gefreit. Nun war längst Spiel und Tanz für sie vorbei, denn ihre Zähne waren ausgebissen; an ckhren grauen Haaren sah Niemand mehr, daß sie einst blond gewesen, in summa die Tage waren gekommen, und die Jahre herzugetreten, von denen man saget: Sie gefallen mir nicht. Dein guten Apitzsch konnte sie es ohnehin nicht verzeihen, daß er, als seine Frau gestorben war, sie nicht zu seiner zweiten gemacht. Sie hatte es ihm zu verstehen gegeben, daß er kein Körbchen bekäme, aber er verstand's nicht. Sie war Lieschen's Pathe. Da sie nun gar nichts zu thun hatte, und doch leidlich leben konnte, so las sie den ganzen Tag Mährchen, Romane, Rittergeschichten und dergleichen, und hatte den Kopf voll abenteuerlicher Gedanken. Dabei verstand sie zu klatschen, mit der Zunge zu Hecheln, und wußte Alles, was in Lunzenau geschah und nichr geschah, selbst was noch geschehen sollte, nämlich nach ihrer Meinung. Ihre beste Kunst bestand aber darin, daß sie, was sie einmal gelesen hatte, anmutig wieder zu erzählen .verstand. Damit hatte sie Lieschen frühe an sich gelockt. Wenn auch die Leute in Lunzenau meinten, die Base habe Niemanden lieb, als sich selber, so irrten sie doch sehr, denn das Lieschen vergötterte sie fast, so lieb hatte sie es. Alle Tage sagte sie dem Mädchen, es fehlten ihm zn einem leibhaftigen Engel nur ein Paar Flügel; sie müsse noch einen Grafen oder Fürsten heirathen, denn in ihr stecke etwas Großes.
Das sage Jemand alle Tage einem jungen Mädchen vor, und sehe zu, ob sie daran zweifelt? Wenn