Hersfelder Anzeiger
Rp. 1S. Hersfeld/ den 7. Mäiz. L85N.
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Die Rettung Hersfel-s durch Kingg.
(Schluß.)
Während das Militair bis auf Linggs Bataillon sich anschickte, abzumarschiren, schloß Barbot das Vorzimmer und Zimmer, in welchem sich die von. ihm zu sich berufenen Männer aus Hersfeld länger als eine Stunde, in der angstvollsten Lage befunden hatten, ab, überreichte Morchutt, als der französischen Sprache Kundigen, ein Papier, und sagte zu ihp • „Diese Ordre des Kaisers Napoleon habe ich noch vor dem völligen Abmarsch zu vollziehen. Lesen Sie dieselbe, und erklären solche den anwesenden vier Herrn!"
„Kaum hatte ich die ersten Zeilen gelesen," sagt Morchutt, „so fingen die Buchstaben an, wie Ameisen vor meinen Augen auf dem Papiere herum zu laufen, die Sinne vergingen mir, und ich war nicht im Stande, ein Wort hervor zu bringen."
Endlich, ermuthigt, insbesondere durch Linggs gütige, liebevolle Zusprache, daß Alles gelinder ablaufen werde, als es nach den: Wortlaute den Anschein habe, faßte sich Morchutt so weit, daß er im Stande war, den andern Herrn die Schreckens-Ordre zu erklären.
Sie lautete: „Der Kaiser, nicht zufrieden mit der Strafe, welche der Gouverneur Lagrange, als zu gelinde, über Hersfeld verhängt, befehle, daß die Stadt im Feuer aufgehen, zuvor aber von den Soldaten desselben ausgeplündert werden sollte. Sollten Bürger sich gegen Soldaten thätlich vergehen, so sollte mit der Gewalt werd " " "^^ Kriegsgebrauch gegen sie Verfahren
Welchen Eindruck diese schaudererregende Verkündi- gung auf die Genossen Morchutts machte, kann man sich wohl denken. Der alte Stiftsbeamte, Rath Har- tert, sonst als ein besonnener und unerschrockener Mann bekannt, war vollkommen bewußtlos aus einem Stuhle niedergesunken.
Die Ordre, welche Barbot dem braven Oberstlieutenant Lingg verschlossen übergeben hatte, bestimmte ihn und ferne Jäger zur Vollziehung der Plünderung und
zum nachherigen Anzünden Hersfelds an vier Ecken, sowie überhaupt zur Vollstreckung des kaiserlichen Befehls.
Dank der Vorsehung, welche es' gesügt, daß gerade dieser edle, menschenfreundliche und gefühlvolle deutsche Mann es war, welchem die Vollziehung des kaiserlichen Rachebefehls übertragen worden war! Offenbar war es sein Werk, daß am Tage zuvor, den 19. Februar, vier am wenigsten schädliche, isolirt stehende Häuser zum Anzünden ausgewählt worden waren. Von diesen Häusern war eins im Stift, ein neben den Ruinen der Stiftskirche stehendes, mit einem leichten Dach überdecktes Stroh- und Heu-Magazin, das andere war das neben dem Brauhause auf dem Marktplatze stehende bretterne Exercierhaus, das dritte ein kleines Haus neben der Braunffchen Tuchfabrik und das vierte das Sondersiechen- Haus vor der Fuldabrücke.
Nachdem die Thore der Stadt verschlossen, und der Thurm besetzt worden war, um ein etwaiges Sturmläuten zu verhindern, trat Lingg vor die Fronte sxines auf dem untern Marktplatz aufgestellten Bataillons,'und verkündigte ihm, daß es den Jägern erlaubt sei, zu plündern.
Mit den lebhaftesten Worten schilderte er jedoch zuvor den Jägern die traurige, grausenvolle Lage der Stadt, erinnerte sie aufs Kräftigste an die liebevolle Behandlung ihrer Wirthe, und schloß mit den Worten, er hoffe nicht, daß Einer Gebrauch von der Erlaubniß zum Plündern machen werde; wer jedoch dazu Lust habe, möge heraustreten. Aber kein Fuß dieser Braven bewegte sich.
Nun erfolgte der Befehl zum Feueranlegen, nachdem auf Linggs Befehl erst alles Eigenthum aus den zum Anzünden bestimmten Häusern heraus gesetzt wor- den war. Prasselnd stiegen vier gewaltige Fener- säulen zum heitern Himmel empor und Lingg com- mandirte zum Abmarsch. Er zog mit seinem Bataillon nach Vacha, während die Italiener den Weg nach Ro- tenburg einschlugen und die Cavallerie sich nach Hom- berg wendete.
Die vier dem Untergang geweiheten Gebäude lagen