Hersfelder Anzeiger.
NP. 18. Hersfeld, den 4. März. ' L8L7.
Der „Hersfelder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. — Preis desselben bei der Erpedition (Neumarkt No. 587) pro Quartal 7 Sgr. 6 Hllr.; bei den Postanstalten kommt der übliche Postaufschlag hinzu. — Anzeigen aller Art werden ausgenommen und. Die Zeile oder deren Raum mit 8 Heller, bei Wiederholungen mit 6 Heller berechnet.
Seine Königliche Hoheit der Kurfürst haben dem Prinzen Wilhelm von Hessen-Philippsthal -Barchfeld, Hochfürstliche Durchlaucht, den Kurfürstlichen goldenen Löwen-Orden verliehen.
Seine Königliche Hoheit der Kurfürst haben allergnädigst geruhet:
den praktischen Arzt Vr. Friedrich Wilhelm Noll in Ha- nau zum Physikus für die Stadt Hanau provisorisch zu bestellen.
Die Rettung Hersfel-s -urch Kingg.
(Fortsetzung.)
Eine Estaffette brächte alsbald die Kunde von dieser erfreulichen Nachricht nach Hersfeld.- Doch war be- slimmt, daß, als Sühne für das Vorgefallene, das tseelig'sche Haus, aus welchem der tödtende Schuß gefallen, in Flammen ausgehen solle, die Stadt Hersfeld 6000 Paar Schuhe liefern, die (angeblich 100 Mann starke) Compagnie Italiener von Kopf bis ju Fuß neu kleiden, und alle Verlornen Waffen complett wieder her- steAen, auch alles ihnen abhanden gekommene Eigenthum nach ihrer eigenen Angabe, vergüten solle.
Die Angabe des Verlustes an Eigenthum der Italiener churde dreimal wiederholt. Die erste Angabe war mäßig, die zweite kräftiger und die dritte, kräftigste, wurde^ als allein richtige bezeichnet, gefordert und bezahlt.
Schon gab man sich dem trostvollen Gedanken hin, daß nun alle weitere Gefahr für die Stadt vorüber sei, da sogar der Gouverneur, auf Morchutts flehentliches Bitten, gestattet hatte, daß das Seelig'sche Haus nicht angezundet und vom Feuer verzehrt, sondern durch Nie- derrerßen der Erde gleich gemacht werden solle.
Aber neue Besorgnisse verbreiteten sich unter den Bewohnern Hersfelds, als am 9. Januar 1807 eine
onne U"^r General Barbot, bestehend aus 2000 Mann Infanterie, 100 Mann Kavallerie und meh-
Haubitzen und Kanonen als Strafcomniando in Hersfeld einrückte.
Das Seelig'sche Haus wurde der Erde gleich gemacht, und das Gebälk in den Stift gefahren und dort verbrannt. Erst nach der Rückkehr des Kurfürsten in seine Staaten ist ein neues Haus auf der Baustätte aufgestellt worden. Die Bürger hatten viel zu leiden, denn die Soldaten erlaubten sich vieler Ausschweifungen und Bedrückungen. Dem General B a rb o t mußte die Stadt ein Geschenk von 1000 Carolinen und mehreren unter ihm stehenden Officieren ebenwohl ansehnliche Präsente auszahlen.
Nach einiger Zeit marschirte Barbot mit seiner Kolonne weiter, und ließ nur den damaligen Oberstlier^ tenant Lingg mit dessen Bataillon badischer Jäger da- hier zurück. Wie sehr sich nun die Schmerzens-.Scene augenblicklich durch Die sanfte, gütige Behandlung des edlen braven und unvergeßlichen Lingg änderte, das ist gewiß noch Allen, welche die qualvolle Zeit erlebt haben, in heiligem Andenken.
Doch schon am 14. Februar 1807 kam Barbot mit seinem Corps nach Hersfeld zurück, und die Bürgerschaft war wieder all' den Drangsalen preis gegeben, welche durch seine Soldaten veranlaßt wurden.
Am 19. Februar ritt der General Barbot in Begleitung mehrerer Officiere, unter.welchen sich auch Oberstlieutenant Lingg befand, im heftigsten Sturm und Schneegestöber in der Stadt umher. Niemand konnte diesen sonderbaren Ritt begreifen, wiewohl ihn jeder sich nach den Gefühlen zu deuten bestrebt war, welche seine Brust beherrschten.
An demselben Tage, Nachmittags hatte der städtische Magistrat, bestehend aus Schröder, Rechberg, Gesing, Sandmeister, Braun Ir, Braun 2r, Schimmelpfeng, Wolfs, Grau und Morchutt eine Sitzung auf dem Rathhausei Gegen 2 Uhr Nachmittags erschien, der Kaufmann Post auf dem Rathhanse, und rief den damaligen ersten Bürgermeister Schröder geheimnißvoll aus der Rathssitzung heraus.
Bei seiner Rückkehr aufs Rathhaus erzählte Schröder seinen begierig lauschenden Kollegen, daß ihn Post zum Oberstlieutenant Lingg, der bei Post im Quar-