Einzelbild herunterladen
 

- »8

den Armen eines Mannes, den ich kannte, den ick sogar zu meinen Freunden zählte. — Ich stand wie vernichtet. Auch die beiden Schuldigen bemerkten mich und fuhren entsetzt auf. Kaum vermochte ich vor Wuth, Scham und Schmerz die Worte hervorzubringen: Ha, Ungetreue, so ertappe ich Dich! —

Ich eilte fort, verließ die Falsche in größter Der- wirrung und kam, ich weiß nicht wie, in meiner Woh­nung an.

Meine Ruhe war dahin. — Ich hatte keine Freude mehr am Leben. Selbst meine täglichen Geschäfte, die mir sonst so viel Vergnügen gewährten, wurden mir lästig. Ich verkaufte mein Haus und sonstigen Besitz und beschloß, Louisiana zu verlassen. Ein nach Merico absegelndes Schiff bot mir Gelegenheit, nach diesem Lande zu gelangen. Ich verließ eine Stadt, in der mich stündlich die Erinnerung an die Treulosigkeit einer Ge­liebten peinigte und nicht minder der Verrath eines mei­ner besten Freunde schmerzlich berührte, eine Stadt, in ver ich hätte so glücklich leben können.

Ich kam im Staate Merico an und durchwanderte seine blüheuden Fluren, seine anmulhigen Thäler und seine mächtigen Gebirge. Ich hoffte durch Herumstrei­fen mein Gemüthe zu zerstreuen und die Ruhe wieder zu gewinnen, die ich verloren hatte.

So befand ich mich auch gestern in diesen Bergen und stieß gegen Abend unvermuthet auf einen mächtigen Bären. Unvorsichtig schoß ich meine Büchse auf ihn ab. Ich weiß nicht, ob ich das Thier getroffen oder nicht. Genug, es verfolgte mich wüthend. Ich flüchtete. Auf jener jähen Fellenwanv that ich einen Fehltritt und stürzte von der Höhe herab, erfaßte aber noch glücklicher­weise jenen Baum und blieb nun in dieser nicht benei- denswerthen Lage bis vor Kurzem, wo Ihr guten Leute mir zu Hülse kamt. Eure Schüsse habe ich gehört, auch waren die zwei Schüsse, die Sie, junger Mann, gestern vernahmen, von mir ausgegangen, der eine davon galt dem Bären, der andere war ein Nothschuß."

Andre schwieg. Die Erzählung seiner Schicksale hatte die herzlichste Theilnahme der Anwesenden erregt. Pietro, der ihm am nächsten saß, drückte ihm voll Mit­gefühl die Hand und sagte theilnehmend: »Sie armer Mann haben viel gelitten: Könnten wir Sie trösten, wie gern würden wir es thun. Kommen Sie mit in unser Haus; wir wollen Ihnen wenigstens treue, lie­bende Freunde sein. Vielleicht vergessen Sie darüber die Ungetreuen in Neu-Orleans."

„Ihr guten Leute," erwiederte Andre, „ich fühle mich jetzt schon in Eurer Nähe so wohl! Gebe der Himmel, daß ich die Treulose vergesse! Ich glaubte nicht, daß die Wunde, die sie mir schlug, je heilen würde."

Alle brachen nun auf und gingen, Andre in der Mitte, dem Dorse zu.

Viele Einwohner kamen ihnen hier entgegen. Mit Jubel begrüßten sie Andre und seine Begleiter, welche dir Erzählung seiner traurigen Schicksale indessen zu ernst

gestimmt hatte, um in diese lauten und stürmischen Freu- densrufe der Ihrigen mit einstimmen zu können. Sie begnügten sich damit, Anbrs mit Anstand den Dorfbe­wohnern vorzustellen, welche ihn mit Herzlichkeit bewill­kommneten.

In Somantes Hause fühlte sich Andre in der That von Tag zu Tage behaglicher und heiterer. Sein Lebens- muth kehrte wieder. Er lernte die Familenglievcr näher kennen und die Biederkeit und einfache Lebensweise der­selben schätzen. Somantes hatte selbst gewissermaßen ei­nen Leidensgefährten bei seinem letzten Abendteuer in Anvrs gesunden und fühlte sich überhaupt sehr zu dem­selben hingezogen. Die Wunden des Alten heilten täg­lich mehr und mehr, und bald war seine frühere Kraft wieder hergestellt.

Hinter dem Hause dehnte sich ein großer Garten aus, in welchem sich Andrv manche Munde angenehm beschäftigte. Oefters auch begleitete er den Vater So- mantcö oder dessen Sohn auf das Feld und nach den Bergen, wo ihre Heerden weideten. Er hatte Gelegen­heit, die schönsten Spaziergänge und Ercursionen nach den benachbarten Gegenden, wo entzückende Landschaften sich seinem Auge barboten, zu machen. Kurz die Zeit verstrich ihm ganz angenehm, und der Umgang mit sei­nen Freunden, diesen biedern Landwirthen, war Balsam seinem wunden Herzen.

Anfänglich wohl erregte der Anblick einer weiblichen Person im Hause, eine schmerzliche Erinnerung in seiner Seele. Da er überhaupt ein großer Weiberfeind gewor­den zu fein schien, so war es zu verwundern, wie dieses junge Mädchen eine so mächtige Erschütterung in seinen Innern hervorbringen konnte. Er sah fast dieselbe Ge­stalt, die Henriette besaß, er sah dasselbe Gesicht mit den sanften Zügen, die ihm einst so werth und dann eben so verhaßt wurden, vor sich. Als er am Tage seiner Ankunft in Somantes Hause bei Tische dieses Mädchen sah, fuhr es ihm wie ein Dolch in's Herz — das Essen schmeckte ihm nicht — er war im Begriff, das Haus sogleich wieder zu verlassen. Alle seine Wunden waren wieder aufgebrochen, der bittere Schmerz getäuschter, be­trogener Liebe trat wieder hervor. Doch Andrs be­sann sich bald eines Anderen. Er machte sich Vor- würfe darüber, daß er gegen seinen redlichen Wirth und dessen Familie so undankbar hatte denken können, daß er in Marie, der Tochter des redlichen Somantes, diesem so unschuldigen Mädchen, einen Gegenstand des Hasses erblicken konnte.

Wie das so oft im Leben geht, so ging es Andre. Er fühlte Neue, daß er Marie Unrecht gethan halte, und diese Gefühle gingen später in Liebe für ein Mäd­chen über, dessen Vorzüge in jeder Hinsicht Liebe und Achtung verdienten.

Auch er hatte sich überzeugt, daß er Marien nicht gleichgültig war. —

Eines Tages führte er Somantes in den Garten, um in einer wichtigen Angelegenheit mit ihm zu reden.