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menschliche Gestalt, wie angcklebt an der Felsenwand. Die Sonne bescheint noch diesen Fleck. Siehst Du es, nicht, Vater?"
Somantes sah nach der bezeichneten Stelle hin und erkannte wirklich den dunklen Gegenstand.
„Pietro," sagte Somantes, »es ist, so sonderbar es scheint, gewiß ein Mensch, der dort oben durch irgend ein Unglück hin versetzt ist. Siehst Du nicht auch den Strauch oder Baum, woran er wie angeheftet hangt und sich angeklammert hat; — wahrscheinlich der einzige Anker, die letzte Hoffnung und Stütze seines Lebens. Sieh, jetzt regt er sich etwas. Ach, Gott, wenn die Kräfte des armen Menschen nachließen, — wenn ein Zweig riß, er stürzte hinab in die unermeßliche, schwindelnde Tiefe; er wäre unrettbar verloren. kaum daß noch ein Ueberbleibsel seines zerschmetterten Körpers gefunden würde."
Vater und Sohn überlegten nun schnell, was zu thun sei, um dem Verunglückten zu Hülfe zu kommen.
Da wurden sie durch ein dumpfes Getöse in ihren Gedanken gestört. Es knackte und rauschte im nahen Gebüsch eines in der Nähe sich befindenden Seitenthales; sie hörten wie jeder Widerstand, den etwa L-träu- cher oder kleine Bäume dem Ankömmling entgegensetzten, mit gewaltiger Kraft beseitigt wurde. — Somantes und Pietro stutzten. Sie ahnten die Gefahr, in der sie schwebten. Die letzten Sträucher thaten sich zurück, und ein mächtiger grauer Bär erschien, keine fünfzig Schritt mehr von ihnen entfernt. Hier hieß es nun, Muth und Geistesgegenwart beisammen zu baben, wenn sie nicht in augenscheinliche Lebensgefahr gerathen wollten. Der graue Bär ist bekanntlich eins der größten und gefährlichsten Raubthiere der neuen Welt, der sich oft mehreren Jägern mit Erfolg widersetzt. — Das Unthier stutzte, als es die beiden Männer erblickte und wußte nicht, ob es sie angreifen oder seinen Weg fortsetzen sollte. — Das Slimmste war, daß das Thier nicht gut anders, als vor ihnen vorbei mußte, weil auf der einen Seite der vorhin erwähnte Bach, auf der andern steile Felsen es verhinderten, zu entweichen. —
Somantes zog feinen Dolch hervor. Dasselbe that sein Sohn Pietro. Denn ohne Waffen begiebt sich hier selten Jemand hinaus in's Freie, weil man nicht wissen kann, in welche Gefahren man durch wilve Thiere oder selbst durch böse Menschen in den Wildnissen dieses ungeheuren Landes kommen kann.
Der Bär wäre vielleicht ruhig vorübergegangen. Nur fiel ihm die plötzliche Handbewegung und der bliz- zende Dolch auf, und er fuhr wüthend auf die zwei Männer los.
SomanteS, der dem Ungcthüm am nächsten stand, ward zuerst angegriffen. Ohne Büchse, wie er war, mit einem bloßen Dolche bewaffnet, einem solchen Gegner gegenüber, da galt es nun, sich zu vertheidigen. Der Bar stand aufrecht auf seinen zwei Hinterfüßen; er er- reichte jetzt seinen Mann und schien ihn zermalmen zu
wollen. Da führte dieser einen kräftigen Stoß nach dem offenen Rachen des Ungeheures und wiederholte schnell seinen Stoß. Der Bär fuhr zurück. So schmerzhaft die ihm beigcbrachte Wunde sein mochte, so hatte sie ihm doch nicht viel geschadet, und er wurde dadurch nur noch mehr zur Wuth^gereizt. Grimmig, mit lautem Geheul fuhr er auf Domantes los; er faßte ihn mit den Zähnen an der Schulter und den Armen und schlug ihn nieder, indem er ihm die Kleidungsstücke vom Körper riß und ihn schrecklich zu zerfleischen anfing.
Dies hatte kaum eine Minute gedauert. SomanteS wäre rettungslos verloren gewesen, wäre nicht jetzt Pierro mit aller Kraft, die ihm dem kräftigen Jüngling, zu Gebote stand, auf den Bären gestürzt und hätte er ihm nicht einige bedeutende Wunden und selbst einen gut geführten L-toß in's Auge und Gehirn beigebracht, so daß der Bär voll entsetzlicher Schmerzen seinen Vater los ließ und sich auf ihn selbst stürzte. Doch Pietro wich dem Thiere geschickt aus und wußte ihm sogar noch ein paar kiese Wunden beizubringen, so daß dasselbe, erschöpft von Blutverlust, nicverstürzte- Schnell sprang der junge Mann nun hinzu, und nach mehreren Streichen hatte er ihm dem Garaus gemacht.
Jetzt sah Pietro nach seinem Vater, der eben mit vieler Mühe sich vom Boden aufgerafft und sich einige Schritte fortgeschleppt hatte. Doch zu sehr geschwächt und arg von den Bissen und Klauen des Bären zugerichtet, mußte er sich wieder niedersetzen. Pietro untersuchte seine Wunden und fand, daß ihm das Fleisch fast bis auf die Knochen von Arm und Schultern gerissen war; er wusch die Wunden mit klarem Wasser aus, und verband sie, so gut er konnte, mit von seinem Hemde abgerissenen Stücken Leinwand.
Da Somantes jetzt unfähig war zu gehen, so kamen sie überein, daß Pietro nach ihrem, etwa eine Viertelstunde entfernten Wohnorte eilen, von dort Hülse und Leute herbeiholen sollte, um sowohl dem verwundeten Vater, als auch, wo möglich jenem Verunglückten Rettung zu bringen.
Während Pietro sich schleunigst entfernte, blieb sem Vater an Ort und Stelle zurück und selbst der Hülfe bedürftig, verlor er die Person, die in schwindelnder Höhe gewiß in Todesangst schwebte, nicht aus den Augen. Er hätte dem bedauernswerthen Gegenstände seiner Fürsorge gern ein Zeichen gegeben, daß man von seiner Gefahr wüßte, und daß man komme ihm beizustehen. Aber hätte der arme Mensch aus der ungeheuren Höhe herab es auch wahrnehmen können? Er ließ sein weißes Taschentuch, an einer Stange befestigt, in der Luft wehen, überzeugte sich aber bald von der Unzweckmäßigkeit dieses Verfahrens. Er wollte ein großes Feuer mitten tm Thale, wo es am Besten gesehen werden konnte, zumal es im Thale immer mehr dunkelte, anzünven, doch ach. — jetzt nahm erst wahr, daß er kein Feuerzeug bet sich hatte und auch wohl die Kräfte zu dieser Verrichtung nicht besaß. (Fvrtsetzunö folgt.)