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berate fi; zusammen und strömten in Bächen durch die 'eiramn.
-So war denn der Franzosen Zerstörungswuth be- frtcrhv, die alte Stadt Speyer vergangen und der Kaiser- tzom duich tie ruchlosen Hände eines gebornen speyererS gefallen. Oede und menschenleer lagen die verschütteten Straßen; keine lebende Seele fand man zwischen den Steinen; nur hie und da irrte ein wiederkehrender Speye- rer umher, um auf den Trümmern des Hauses zu weinen, in dem er geboren worden und fand oft nicht einmal die Stätte mehr, wo dieses gestanden hatte. Die Bewohner irrten unstät inbitterer Armuth einher und Diejenigen, denen es gelungen war, auf daS rechteRhctnufer zu flüchten, schätzten sich noch glücklich, bei deütschen Brüdern zu sein, die Alles aufboten, um die Lage der Unglücklichen so viel als möglich erträglich zu machen.
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Die Heimkehr.
Nach acht Jahren endlich, im October des Jahres 1697, wurde zwischen dem Kaiser und Frankreich der Ryswicker Friede geschlossen; koch lag Speyer mit seinem Dome zehn Jahre lang still und grauenvoll darnieder, einem Orte ähnlich auf dem der Fluch Gottes lastet, oder wo Nachtgeister ihr unheimliches Wesen treiben.
Die Heimkehr war den Verbannten gestattet, aber sie fanden nichts mehr von ihrem ehemaligen Wohlstände; kein Obdach mehr um das müde Haupt dann niever- zulkgen, keinen Freund, der sie willkommen hieß. Schutthaufen erfüllten die ehemals schönen Straßen, und hie und da bezeichneten kleine Ueberreste die Stellen, wo früher, eine Kirche ober ein fester Thurm gestanden hatte.
Nur das Altpörtel, zwei Klöster und ein kleines Häuschen, welches letztere von dem verheerenden Elemente vergessen worden zu sein schien, entgingen der allgemeinen Verwüstung.
Es war an einem schönen Frühlingsmorgen, als sich ein mit Lebensrnitteln und Hausgeräthschaften schwer be- tadener Wagen mühsam durch die mit Schutt überfüll- len Straßen bewegte. Ein altes Mütterchen ging neben ihm her, um dem Fubrmanne die einzuschlagenve Richtung anzugeben. Sie schritt auf das Häuschen zu, das die Ankommende zu erwarten und willkommen zu heißen schien.
Vor der Thüre wurde Alles abgeladen und in die unversehrte Wohnung gebracht, worauf sich der Fuhrman entfernte und die Hausbesitzerin allein zurückließ.
Diese war geschäftig wie ein munteres Mädchen. Sie legte ihre mitgebrachten Vorrähe in Küche und Speisekammer, und fand Alles in so gutem Zustande, daß es ihr sein mußte, als wäre sie auf kurze Zeit verreist gewesen und müsse bei ihrer Rückkehr, als vernünftige Hausfrau, die geleerten Kisten und Kasten wieder füllen. Sie that es ünverdrossn, ja mit heiterer Miene, so daß man nicht wußte, ob man die in ihrem Alter so
seltene Geschäftigkeit oder ihre muntere Laune mehr bewundern sollte. Als sie endlich die Lebensmittel unter- gebracht und sich häuslich eingerichtet hatte, belrachlete sie Alles wohlgefällig, untersuchte noch einmal, ob auch nichts mehr fehle, um bei bescheidenen Ansprüchen gemächlich leben und selbst einen etwa einkchrendenGast bewirthen zu können, und als sie Alles wohlgeordnet und in gutem Zustände fand, setzte sie sich ermüdet nieder und führte folgendes Selbstgespräch :
„Hal? ich's doch meiner Lebtage gesagt: Wer Gott vertraut, hat nicht auf Sand gebaut! und bring' den Fisch aufs Trockne, so sehnt er'sich noch immer wieder in's Wasser zurück! — Zehn volle Jahre sind es, daß wir unser liebes Speyer nicht mehr gesehen haben! Aber, lang geborgr, ist auch nicht geschenkt. Jetzt kommt Alles wieder, was noch Hand oder Fuß rühren kann. Sie finden freilich nichts mehr, als große Schutthaufen; aber eS ist doch der Platz, auf dem wir uns früher so wohl befunden haben. — Du mein Herrgott! Alles nledcrge- brannt, bis auf das Altpörtel, zwei Klöster und mein liebes Häuschen! Mein seliger Balthasar hat aber immer gesagt: „„Ursula, unser Haus ist feuerfest!"" Er hat Recht gehabt, der gute Alte. Nun, ich danke Gott! Ich kann doch manchen Obdachlosen willkommen heißen und ihm ein Bissen Brod reichen; denn jetzt werden sie heimkehren, wie die Schwalben im Frühjahre ihre alten Nester wieder aufsuchen. Ich habe meine geringe Hab^, gerettet und muß mit dem Dürftigen theilen, denn es steht geschrieben:
„Du sollst die Armen unterstützen,
«Das wird einst Deiner Seele nützen!
„Geiz macht ein Herz
„Zu Sinn und-Erz!
«Ein gut Gewißen
«Ein sanftes Kissen!"
„Nun will ich ein gutes Feuer machen, um mein Frühstück zu bereiten. Ach, wie wohl wird es mir thun, einmal wieder am eigenen Herde zu stehen!"
Bei diesen Worten entfernte sie sich aus der Wohnstube und begab sich in die Küche, die durch einen schmalen, aber ziemlich langen Gang von derselben getrennt war.
Kaum hatte sie sich entfernt, als zwei ermüdete Wanderer in das Zimmer traten.
Der Eine war ein Mann in hohem Alter. Auf seinem Gesichte lag der tiefste Kummer ausgeprägt; sein Haar war weiß wie Schnee, seine Haltung gebückt und sein Gang wurde von einem Stocke unterstützt, den er in der zitternden Hand hielt. Sein Anzug war reinlich, aber in einem Zustanoe, der von drückender Dürftigkeit zeugte.
Er wurde von einer Jungfrau begleitet, die seine Lage um Vieles erträglicher zu machen schien; denn trotz ihrer Armuth war sie frohen Muthes, sie erheiterte den allen Mann mit einem freundlichen Lächeln, das sie nie verließ und — als wäre sie hier zu Hause, rückte