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Hersfelder Anzelger.

Nr. 8«. Hersfeld/ den 27. Oktober. 18SS.

DerverSselber Anze iger- erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. Preis desselben bei der Expe­dition (Neumarkt No. 587) pro Quartal 7 Sgr. 6 Hllr.; bei den Postanstalten kommt der übliche Postaufschlag hinzu. Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Zeile Pier deren Raum mit 8 Heller, bei Wiederholungen mit 6 Hllr. berechnet.

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Die dei-en EhnrmfPrHen im Dorfe ^kltenvruch an -er Elve.

(Eine Sage.)

In diesem Dorfe lebten vor vielen Jahren zwei Schwestern in dem ererbten väterlichen Hause beirinan- der, die die Liebe und Achtung nicht nur aller Dorfbe­wohner, sondern auch der entfernter liegenden Ortschaften in einem hohen Grade genössen. Sie waren schon alt und runzlich, aber Jungfer Anna sowohl, als Jungfer Beate wurden von allen jungen Männern mit der zärt­lichsten Achtung begrüßt und erhielten stets im Frühling die ersten Veilchen und im Herbste die letzten Spätrosen. Nun traf es sich, daß die Kirche des Dorfes alt und baufällig wurde und einzustürzen drohte; die Gemeinde aber war damals nicht allzu wohlhabend und vermochte keine neue aufzubauen. Da erschienen die beiden Schwe­stern vor den Kirchspielsherren und sagten:,Seht, der Herr hat uns mit Reichthum gesegnet vor allen Ändern, wir aber sind unerfahrene Mädchen und wissen mit dem Pfunde, daS uns anvertraut worden ist, nicht zu wu­chern. So bittet denn die Gemeinde, daß sie uns ge­statte, es zur Ehre des Herrn zu verwenden, indem wir eine Kirche bauen lassen, worin daS Lob Gottes biS tu pie spätesten Zeiten verkündigt wird." Da lobten die Kirchspielsherren die beiden Jungfern ob dieser frommen Entschließung; der Stand ihres Vermögens wende genau erforscht und alle Vorkehrungen getroffen, die Schwestern bis zu ihrem Tode vor allem Mangel zu schützen und sie zu halten wie Kinder der Gemeinde; das Uebrige aber nahm die Obrigkeit an sich und fand, daß es ge­rade Hinreiche, um eine Kirche davon zu bauen und auf derselben einen stattlichen Thurm zu setzen. Alsobald begann der Bau, und da Jedermann mit Lust und Liebe daran ging, wurde er rasch gefördert. Auf dem Bau­platze aber hatte man einen etwas erhöhten Sitz ange­bracht, der durch einen Baldachin geschützt wurde, der war für die Schwestern bestimmt, Damit sie ein Plätz­chen zum AuSruhen fänden, wenn sie Lust hätten, dem Bau zuzusehen. Saßen sie dann Hand in Hand neben einander, so kamen alsbald die Leute heran, sie zu be­grüßen, sie mit Blumen und Früchten zu erfreuen und ihnen alle mögliche Ehre zu erweisen. Dies hatte der

junge Meister, dem der Kirchbau übertragen war, schon mehrere Mal kopfschüttelnd angesehen, aber endlich ver­mochte er seine Neugier nicht länger zu zügeln; verwun­dert fragte er den ältesten Kirchspielsherrn, was es mit den bieden alten Jungfern für eine Bewandtniß habe, die ihm wie ehrwürdige Reliquien vorkämen. Dieser aber zürnte dem jungen Mann, daß er seine Frage in einem so spöttischen Tone gethan, dann faßte er ihn un­ter den Arm, führte ihn abseits und begann:Beate und Anna sind die beiden Töchter eines hiesigen Ein­wohners und sind Zwillingsschwestern; schon ihre Ju­gend war trübe, denn sie erfreuten sich nicht der lieben­den Vorsorge einer Mutter, diese starb bald nach der Geburt ver Kinder. Bald starb auch ihr Vater. Nun nahm sich die Gemeinde der Kinder an, gab ihnen eine Pflegerin, hielt sie zur Kirche und Schule und verwaltete gewissenhaft ihr großes Vermögen. Als sie das sechs- zehnle Jahr erreicht hatten, fanden sich bereits eine Menge Freier ein, allein nur ein junger Edelmann, auS der Gegend von Freiburg, vermochte ihr perg zu gewinnen. Doch zog es ihn am innigsten zu Anna hin. Auch Beate liebte ihn, allein sie wollte lieber Anna glücklich sehen und beschloß in ein Kloster zu gehen. So wurde Anna feine verlobte Braul. Da aber der Junker noch eine große Reise vorhatte, so wurde die Hochzeit noch um ein halbes Jahr verschoben. Aber kaum war er abr gereist, als eine böse Blatternkrankheil in's Land kam und viele Menschen tödtete over^ deö Gesichts beraubte. Auch Anna wurde von dieser Seuche befallen, während Beate, ihre treue Pflegerin, von derselben verschont blieb. Nun kam zwar Anna mit dem Leben davon, auch büßte sie das Augenlicht nicht ein, aber als sie ihr Siech- dett verließ, war ihr ganzes Gesicht durch die Blatter­narben entstellt. Um diese Zeit kam der Junker zurück, als er jedoch Anna sah erschrack er und diese bat ihn, die Liebe, welche er früher für sie hatte, jetzt auf Beate zu übertragen und sie glücklich zu machen. Der Junker nahm dies Anerbieten an und der Hochzeitstag wurde festgesetzt. Kurz vor diesem Tage jedoch üoerraschte Beate ihre Schwester Anna bei einem lauten Gebete, in welchem sie Gott um Kraft bat, das Glück ihrer Schwe­ster nicht mit neidischen Auge anzuseheN, sondern sich desselben zu freuen. Als Anna das Gebet beendigt hatte umarmte ihre Schwester Beate sie üefgelührt und sagte