Hersselder Anzeiger.
srv. rs. Hersfeld/ den 3. Oktober. L8L5.
Der „Hersfelder Anzeiger« erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. — Preis desselben bei der Expe- dition (Neumarkt No. 587) pro Quartal 7 Sgr. 6 Hllr.; bei den Postanstalten kommt der übliche Postaufschlag hinzu. — Anzeigen aller Art werden ausgenommen uud die Zeile oder deren Raum mit 8 Heller, bei Wiederholungen mit 6 Hllr. berechnet.
Die Belagerung von BreSlan.
Eine Erzählung aus dem siebenjährigen Kriege, von Eugen von Sobbe.
(Fortsetzung.)
«An den Kaiserl. Königl. Oberstwachtmeister ven Platz, im Regiment Andau.
Gnädiger Herr Oberstwachtmeister! Daß ein so hoher Herr sich meiner in meiner unglücklichen Lage noch erinnert, hat mich über die Maßen gefreut, und ich werde gewiß Alles thun, um das gnädigste Vertrauen zu verdienen, was mir der Herr Oberstwachtmeister so huldreich geschenkt. Ich zeige daher benotest an, daß wir hier 2000 Mann in einer Kaserne liegen, meistens Eroaten und Ungarn, außer mir noch 5 andere Feldwebel. Die Wache ist 60 Mann stark, aber wir könnten sie gut über# wattigen, denn wir dürfen zwei Stunden täglich auf dem Hofe spazieren gehen, wobei die ganze Wache einzeln ausgestellt ist, wo wir dann aber weiter Waffen bekommen sollten, weiß ich nicht. Indessen erwarten wir mit Sehnsucht des Herrn Oberstwachtmeisters weitere Befehle, da wir gern für Kaiserlicher Majestät Waffenruhm unsern letzten Blutstropfen geben wollen. Dero dienstwillig un# terthäniger Knecht Hofsmann."
Dieser Hoffmann war nach der Aussage des Mädchens einer von den österreichischen Feldwebeln, deren mehrere in der Kaserne gefangen saßen. Bülow hob die Weinende auf, deren unverkennbarer Schmerz, so wie früher die Angst, womit sie kämpfte, sein Mitleid rege gemacht hatte. Er redete ihr freundlich zu, mit der Versicherung, daß ihr nichts geschehen werde, wenn sie nur aufrichtig sein und Alles gestehen wolle. Er gab seinem Diener Befehl, sie zwar scharf zu bewachen, doch im Uebrigen nicht zu kränken, und eilte sofort nach der Kaserne. Sein plötzliches Eintreten in die Stube, in welcher Hoffmann mit seinen Gefährten gefangen saß, schien diese, in tiefem und leisem Gespräch begriffen, zu stören. Hoffmann trat bestürzt bei Nennung seines Namens vor denOfficier und erbleichte, als dieser den bei sich habenden Mannschaften Befehl ertheilte, ihn zu entkleiden und seine Kleider genau zu untersuchen. Bald fand sich denn auch, was man suchte, im Futter seines Rocks versteckt, ein Schreiben des Majors von Platz an den Feldwebel, folgenden Inhalts:
«Mein lieber Feldwebel Hoffmann!j
Er wird gehört haben, daß Zhro Kaiserl. Majestät General von Laudon seit vorgestern vor der Stadt Bres- lau arrivirt ist, und dieselbe einzunehmen gedenkt. Dieses muß aber schnell erecutirt werden, daher soll ich ihn ausfordern, mit den übrigen Gefangenen, die so schlecht bewacht werden sollen gemeinsame Sache zu machen, die Wachen zu überwältigen, und die Bürgerschaft, welche auch für Jhro Kaiser!. Majestät, ihren rechtmäßigen Oberherren, die Waffen ergreifen wird, nach Möglichkeit zu souteniren. Bedenk' Er, daß, wenn Er sich nicht auf diese Weise ranzionirt, Er noch lange in Gefangenschaft schmachten kann, und es dann über kurz oder lang her- auskommen wird, daß Er früher aus der preußischen Armee desertirt ist, und daß Ihn davor Todsschießen oder mindestens zwanzigmal Gasselaufen bevorsteht. Er hat also keine große Wahl, entweder Gassenlaufen, oder sich schlagen. Auf Befehl Sr. Ercellenz soll ich Ihm noch eröffnen, daß wenn die Unternehmung vom Glück favo- risirt wird, Ihn Ihre Kaiser!. Majestät zum Fähndrich ernennen werden, und Ihm vorjetzt 100 Ducaten ausbezahlt werden sollen. Besprech' Er sich mit seinen Mitgefangenen und rapportir' Er mir über den Zustand."
Bülow gab nun Befehl, den Unglücklichen in strengem Arrest zu führen, die übrigen Gefangenen scharf zu hüten unt die Bewachung zu verdoppeln. Dann eilte” er in seine Wohnung zurück. Das Mädchen, bei seinem Eintritt in das Zimmer still weinend in der Ecke des Canape's gedrückt, fuhr laut aufschreiend empor, als er mit den Worten: «Kennst Du diesen Brief?" den bei Hoffmann gefundenen Brief ihr vor Augen hält. — „O, gnädiger Herr!" jammerte sie, „haben Sie Erbarmen! Sein Sie menschlich gegen eine Unglückliche, die wahrlich nicht schlecht, nicht ihres Mitleids ganz unwürdig ist. O, hören Sie mich an!" — „Gut," entgegnete der Hauptmann, „was hast Du noch zu sagen?" — «Ich bin," begann sie nun, von Thränen oft unterbrochen, „die Tochter redlicher Aeltern, welche längst im Grabe ruhen. Mein Vater war Revier-Förster in Karlwitz, mein Name ist Katharina Müller; Hoffmann, der Sohn eines LandwirthS in einem benachbarten Ort. Unsere Aeltern waren befreundet; so kam es denn, daß wir uns öfter sahen und von Kindheit an einander gut waren. Hoffmann lernte ebenfalls die Landwirthschaft, und