Hcrs seid er Anzeiger.
Nv. GU. - Hersfeld/ den 29. August. L855.
Der „Hersfelder Anzeiger« erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. — Preis desselben bei der Erpe- dition (Neumarkt No. 587) pro Quartal 7 Sgr. 6 Hllr.; bei den Postanstalten kommt der übliche Postaufschlag hinzu. — Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Zeile oder deren Raum mit 8 Heller, bei Wiederholungen mit 6 Hllr. berechnet.
Seine Königliche Hoheit der Kurfürst
>aben allergnädigst geruhet:
den Wachtmeister Wilhelm Pötter vom 2. Husaren.Regiment Herzog von Sachsen-Meiningen provisorisch znm Controleur der Tages-Einnahme bei dem Hoftheater zu ernennen.
Die Rebhuhn Mästete .Kaiser «Karl s V.
Eine spanische Sage.
Das Landvolk in Estremadura, dessen Eilten und Lebensanschauungen sich feit Jahrhundeilen nur um ein Geringes verändert haben, ergötzt sich noch immer an einer alten Sage von Josas dem Maulihierlreiber, der schon vor dreihundert Jahren lebte, und in der ganzen Provinz am besten Zwiebeln zu braten verstand. Josas war von San Marnno gebürtig, einem alten Dörfchen tief in den Bergen jenseit der portugiesischen Gi cnze. Sein Vater, den man in Verb, cht gehabt, eine Maure zu sein, hatte dort Zuflucht vor der spanischen Jngutsi- tion gesucht; als der Vater aber starb — Josas war damals dreizehn Jahr alt —- bereuete die Mutter ihre Sünden, heiralhete einen guten Katholiken und sagte sich ganz von ihreils Sohne los; dieser fand jedoch einen andern Gönner in dem alten Senaro, dem besten Maul- lhierireibcr und wunderlichsten Kauz in ganz San Martino. Termite Senaro adoptirte ihn an der «Stelle seines einzigen Sohnes, welcher als Soldat nach Indien gegangen und nicht mehr hcimgetehri war. Unter seiner Aufsicht lernte JosaS mit Maulchwren umgehen, Zwiebeln rösten und endlich gar sich bis zum Sterben in des SchenkwirthS Töchterlein, Rosinda, verlieben, welches an Stolz und Schönheit in der ganzen Provinz nicht mehr seines Gleichen hatte. An letzterem Unfälle wollte freilich der alte Senaro feinet loi schuld tragen. Dieselbe befiel Josas noch ehe er achtzehn Jahr alt war, denn derlei Heimsuchungen kommen in Estremadura sehr frühzeitig vor. Der arme Junge konnte sich keiner sonderlichen oder zahlreichen Reize rühmen. Er war so hager, daß die Leute scherzweise zu tagen pflegten: von all dem Fleisch, das er an seinem langen Leibe habe, hätte sich keine Ratte fattfreffen können und Sonne und Wind halten seinem langen Lockenhaar und braunem Gesicht so milgespielt, daß Niemand ihre Farbe vom
Staube der Sierra unterscheiden konnte. Trotzdem aber durfte Josas sich doch einige Hossnungen machen, denn er besaß Eigenschaften, welche in San Martino nicht zu verachten waren: er konnte um die Wette tanzen mit jedem Burschen in San Martino, kein Maulthiertreiber in den Bergen sang besser als er, und er hätte den Priester selber hinuntergeschwatzt, zumal wenn er an's Erzählen kam, denn kein Mensch kannte eine solche Menge von Geschichten. Mit diesem groben Geschütze seiner peisönlichen Vorzüge belagerte er Rosinda, so gut es die Maullhiere und veralte Senaro erlaubten. Er sang sich bei Nacht unter ihrem Fenster heiser an LiebeSIie- bern; sein Gewissen ächzte unter der Menge von Unwahrheiten und Nothlügen, die er sich erlaubte, um Rosinda sprechen zu können, und seinen halben Verdienst verzechte er in ihres Vaters Weinschenke, — den Rest opferte er ihr in Gestalt von rothen Halstüchern, grünen Bändern oder Glasperlen. Allein des Schenken Kino hatte noch reichere und angesehenere Anbeter, und setzte eine wahre Lust darein, gegen ihn grausam zu sein; und nach zwei langen Jahren emsiger Werbung fand sich Josas mit ihr gerade soweit in "ihrer Gunst, als er am ersten Tage gewesen man
Josas hatte ihr so oft versichert, er werde sich ihretwegen noch ein Leid anchun, ohne keiner Drohung Folge zu geben, daß dieselbe nun wirkungslos an Rosinva's Ohr schlug; und seine Verzweiflung bei dem letzten Anlässe-, wo sie ihm ihre Geringschätzung unzweideutig Halle zu erkennen gegeben, hätte sehr leicht die gewöhnlichen Grenzen überschreiten können, wenn ihr nicht gerade zur selben Zeit eine Menge anderer noch ernsthaftere Verlegenheiten und Widerwärtigkeiten Eintrag gethan hätten. Zuerst war ihm sein bestes Maulthier, das nach JosaS Meinung einen Kirchthurm hätte ersteigen können, eines Morgens über die Felsen gestürzt, und hatte den Hals gebrochen, dann waren ihm die bei* den anderen von der Walve verlaufen, und endlich halte der alte Senaro, als er ihm behilflich war, sie im ganzen Gebirge aufzusuchen und durch den glühenden Sonnenbrand des Mittags und die kalte Nacht hindurch zu verfolgen, sich eine heftige Erkältung zugezogen und war daran gestorben. Josas verlor den alten Mann schmerzlich ungern, obschon derselbe so sehr wunderlich gewesen; er Halle stets einer Tracht Prügel dadurch ausweichen