Hersfelder Anzeiger.
Nr. «8.
Hersfeld/ den 25. August.
1855t
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Eine Emaneipirte.
Bon Julie Burow.
Ich saß im Hain, in junger Birken Schatten,
Der Sonnenstrahl durchhuschte leicht den Flor Und lockte aus den knospenreichen Matten Der Blume ^Pracht mit leiiem Kuß hervor. Der Käser |urrt um mich in braunem Kleide, Es sang die Nachtigall so sanft und klar, Und dort am Bach taucht eine schlanke Weide In kühle Flut ihr grünes Seidenhaar.
Die Thräne sank von meiner Wimper nieder Und hing wie Thau an bald gebroch'nem Strauß, Mir schlug das Her) in alter Sehnsucht wieder, Mir rief der Mai den alten Schmerz heraus Ich fühlte mich allein, allein auf Erden, (so stützenlos und aller Liebe bar, Ich sichre: »Gott, o laß mich fester werden Da Einsamkeit für mich Dein Wille war!"
Und sich, da stand vor mir mit Hut und Schleier Ein junges Weib, schon wie der Sonne Strahl Ein seltsam Bild! im Auge lodernd Feuer Und um den Mund begrab'ner Schmerzen Dual. Ein Wölkchen schien sie duftig zu umschweben, Doch war'S kein Weihrauch und kein Heil'genschein . . . Sie raucht! und der Havannah Dämpfe weben Ihr zart Gesicht in leichte Nebel ein.
Sie grüßte mich nach Amazonenweise, Nahm dann den Sitz, den ich ihr freundlich gab, Und das Gespräch verließ gebahnte Gleise Und schweifte kühn auf weite Fährten ab, Won Blüth' und Bogel auf zu Stern und Sonne Schwang sich Gedanke leicht und rasches Wort, Won Freiheit sprachen wir, von Liebeswonne, Wom Leib der Erde, von des Grabes Port.
O weh! Was heilig stets mein Herz gehalten Dem widersprach sie fest, mit kühnem Mund, Sie leugnete der Gottheit Liebeswalten Sie leugnete der Herzen ew'gen Bund
„Freiheit!" ihr Losungswort, das meine „Liebe!" Naturgesetz wob ihr der Schöpfung Pracht, Und nach des Lebens wirrem Angstgetriebe Wollt' sie versinken in bfe ew'ge Nacht.
Ich wies ihr still der Knospen feste Hülle, Die vor dem Frost das junge Grün bewahrt, Und zeigte ihr wie weise Liebesfülle In jedem Blüthenkelch sich offenbart. Ich fragte: ob in des Geliebten Blicken
Sie nie der Liebe Ewigkeit erschaut, Ob bei der Mutterliebe Hochentzücken Sie nie auf Gottes Vaterhuld vertraut.
Nichts! Nichts! Ihr führt der Sterne gold'ne Heere
In festen Banden durch den Lauf der Zeit
Das eiserne Naturgesetz der Schwere Ihr sind die Himmel nicht des Höchsten Kleid.
Sie kennt die Hoffnung nicht und nicht den Glauben, Die Liebe ist ihr mir ein flücht'ger Rausch, Sie ließ sich alles Glück des Herzens rauben Und nahm die eigne Kraft dafür in Tausch.
Die eigne Kraft! Sie reichte mir beim Scheiden Ihr Händchen hin, so zart, so kinderhast, Gewappnet nennt sie sich für alle Leiden Gewappnet fest, durch diese eigne Kraft.
Ich blieb allein und blickte still nach oben, Die Wolke sah ich zieh» mit gold'nem Saum, Ich fühlte nicht mehr meines Schmerzes Toben, Ich dachte meiner eignen Thränen kaum.
An sie nur doch? ich, die den Schmelz vom Leben Mit keckem Finger vorschnell abgestreift!
Die Erde hat ja Liebe nur zu geben Und Glaub! und Hoffnung in den Himmel greift Die warf sie weg, der Wahrheit nachzueilen, Der falschen Freiheit in vielövem Raum, Doch kann im Wahn, im Schein nicht Wahrheit wksikN Und Weibes Freiheit ist der Siebe Traum.
So wird es sein, so lang die dunkle Erde Noch um die gold'ne Sonne liebend freist; Dem Dunkel ward ein leuchtender Gefährte: Das Herz dem Weib, dem Mann gehört der Geist.