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Hersfelder Aiizelger.

Np. 65. Hersfeld, den 15. August. 1855.

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Kassel, 12. August. Seine Königl. Ho h ei t der Kurfürst und AUerhöchstihie Gemahlin, Ihre Durchlaucht die Fürstin vonyanau, sind gestern Abend mit Gefolge von Philippsruhe wieder in Wilhelms- Höhe eingetroffen.

DaS Muttergottesbild der Marienburg.

Eine historische Erzählung aus dem Jahre 1338.

(Fortsetzung.)

5. '

Es standen die Bäume entlaubt; die Stürme lobten über die verödeten Fluren, und der nordische Winter mit seinem Gefolge von Schnee und Eis Parte sich allmalig ringefunven. Unterdessen war Gotthilf beinahe täglich mit Jutta zusammen gekommen, Halte ihre hohe Liebcns- würdigkeit immer mehr erkannt, und der reinen Liebe Ge­walt durchglühte sein uncntweihtcs Herz. Auch die holde Jungfrau war ihm nicht abgeneigt; wie durfte er's aber wagen, der unbemittelte Hankwerkssohn, seine Blicke zu der Tochter deS stolzen unv reichen Handels­herrn zu erheben. Er war von deren Sichern mit ei­ner vornehmen Herablassung empfangen, und Julta's Mutter hatte ihm selbst von dem Vcriöbniß ihrer Toch­ter mit dem Sohne des befreundeten Handelshauses er» zählt. Wie sollte also der Arme es wagen dürfen, un­ter diesen Umständen der Tochter Hand zu begehren? durfte er nicht^ mit Gewißheit darauf rechnen, mit Lchimpf und Spott abgewiesen zu werden? Der be­sorgten Mutter wollte er seinen geheimen Gram und Kummer nicht anvertrauen, um sie nicht nutzlos zu be­trüben oder gar zu der Maßregel zu verleiten, das ge­liebte Mädchen ganz aus ihrer Nähe zu verbannen, da in dem täglichen Umgänge mit ihr sein einziges Glück bestand. Sein frommer Lehrer HilariuS, in dessen Herz er den Kummer über seine hoffnungslose Liebe auöichüitele, hatte ihm Gebet zu Gott als das beste Mittel empfohlen, und das Gebet goß oft milden Trost und Beruhigung in sein gequältes Herz. Ja, einst träumte ihm sogar, daß die Gottesmutter ihm er­schien und ihm ihre Hülfe und ihren Bestand zutagte; welches Traumgebilde ihn nicht wenig stärkte umd be­

ruhigte. Er ordnete unterdessen fleißig seine Gemälde unv Zeichnungen und führte Sieles aus, von dem er nur eine Skizze mitgebracht halte. So war der März erschienen; schon guckte das Schneeglöckchen als erster Frühlingsbote, aus schneeiger Hülle hervor; die Lerche erhob sich jubelnd vom Saatgefildc, und neues Leben er­wachte auf Feld und Flur; da berief ihn ein Diener vom Schlosse zum Hochmeister, und mit beklommenen Herzen folgte er der unerwarteten Ladung.

Mein Sohn," redete ihn der hohe Fürst an, als er von einem Pagen in sein Gemach cingefuhrt war, der geachtete Bruder HilariZö hat uns von Deiner Kunst und Deinem Wissen so viel Vortheilhaftes mitge- theilt, daß wir beschlossen haben, Deinen Häuten ein wichtiges Werk anzuvertrauen. Du sollst den Bau des neuen, nun beinahe vollendeten Gotteshauses durch ein Siaudgebildc verherrlichen, das erhaben und hehr als Schutz und Schirm desselben dastcht."

Wer könnte heiliger und erhabener dastehen als Schutzgeist ihrer Kirch-, als Schützerin des ganzen hohen Ordens, als Maria, die Gollesjungfrau mit dem göttlichen Kinde!" so unterbrach beinahe unbeschei­den der feurige.Jüngling des hohen Meisters Rede.

Du hast mir aus Verheile geipioLen, entgegnete ihm der gütige Fürst,denn durch reu Glauben'an die Jungfrau und das himmlische Kind, das sie trägt, ist das Heil über die ganze Welt gekommen, und Licht und Bildung, Erkenntniß der wahren Menschenwürde und Völkerglück auch in diesem Lande verbreitet, welches von der Ostsee stürmischen Wogeu bespült wird und frü­her nur von unmenschlichen rohen Heiden bewohnt wurde. Ja, ich sehe, wie in spätern Jahrhunderten eS kastehen wird als ein Land beglückt und beglückend die Nach­barstaaten. Dadurch, daß Du mit uns von einer glei­chen Idee beseelt wurdest, hast Du unser volles Ver­trauen gewonnen! Geh' also hin, betrachte Dir noch­mals genau den Standpunkt, und lege uns recht bald Deine Vorschläge und den Plan zur' Ausführung des Werkes vor." So sprechend reichte der erlauchte Herr dem jungen Künstler gnädig die Hand zum Kusse und befahl, daß er im Schlosse umhergeführt und man sei­nem Begehren in Allein förderlich und dienstlich sein sollte. Eine Mauernische an der Südostseite des GvileS- Hausts an der St. AnüenkapcUc war schon vorher