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Hersfelder Anzeiger.

9h»> 63> Hersfeld/ den 8. August. 1855.

Der »Hers selb er Anzeiger« erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. Preis desselben bei der Expe­dition (Neumarkt No. 587) pro Quartal 7 Sgr. 6 Hllr.; bei den Postanstallen kommt der übliche Postaufschlag hinzu. Anzeige» aller Art werden ausgenommen und die Zeile oder deren Raum mit 8 Heller, bei Wiederholungen mit 6 Hllr. berechnet.

Das Muttergottesbild der Marieuburg.

Eine historische Erzählung aus dem Jahre 1338.

(Fortsetzung.)

3.

Schon war die duftige Rose verblüht; der Segen der Fluren in die Scheuer.» geführt und unsere letzte Blume die an den nahenden Winter mahnt, die bunt­farbige Aller schmückte den Garten, als Gotthilf nach mühevoller Pilgerfahrt, nach manchem Aufenthalt auf den ungebahnten und rauben Pfaden Deutschlands seine Vaterstadt erreichte. Ader ein reges Leben und Treiben herrschte damals auf den Bergen und Höhen um M arienburg, denn es war die Zeit der Wein­lese. Du staunst, lieber Leser, daß hier in Preußen, wo jetzt selten eine sauere Traube reift, in jenen uns längst entschwundenen Tagen der Weinbau so eifrig und in solchem Umfange mit Gewinn betrieben wurde. Dem ist aber wirklich so. Schon in der ältesten Zeit wurde der Weinbau unter den Ordensrittern mit vielem Eifer und gutem Erfolge betrieben, und erreichte etwa 30 Jahre später, als Gotthilf seine Vaterstadt wiedersah, unter dem Hochmeister Winrich von Kniprode, den höch­sten Flor. Als der Meister einst den Baiern- Herzog Rudolph festlich bewirthete (1363), wurde demselben am Schlüsse veö Mahles ein großer goldener Becher, mit Thorner Landwein gefüllt, überreicht, und dieser rief, nachdem er denselben geleert hatte:Langt mir denselben noch einmal her! Der Trank ist echtes Oel, davon einem die Schnauze anklebt.« Ja, im Jahre 1379 ließ der Meister feine Weinkeller mit 608 Tonnen füllen, und der Wein des Gewächses der auf Preu­ßens Boden gedieh, war so trefflich, daß der Hochmeister davon Könige und Fürsten beschenkte. Der Winzer und Winzerinnen fröhliche Lieder tönten von den Bergen nieder, wie freundlicher Willkommsgruß, so daß unserm Wanderer froher und so recht von Herzen selig zu Sinne wurde. Die Regal war überschritten, rasch einige Stra­ßen durchwandert, und Gott hilf stand mit pochenden Herzen vor dem bescheidenen Hause, dem Erbe seines Vaters. Eine ganze Weile lauschte er an einer Spalte der nur angelehnten Stubenthür. Da saß die brave Mutter, die Pflegerin seiner Kindheit im bequemen

Polsterstuhle, mit einer Handarbeit beschäftigt. Wie viele Güte und Frömmigkeit sprach sich in ihren Gesichtszügen aus! Endlich wurde der kleine Hund der zu ihren Füßen ruhte, durch ein zufälliges Geräusch aufmerksam, erhob sich knurrend, sprang zur Thüre und begrüßte den wiedererkannten Hausgenossen durch freudiges Gebell und Liebkosungen. Auch die Mutter war aufgestanden, erkannte schon beim ersten Aufsehen, den langentbehrten, geliebten Sohn wieder, und weinte Thräneu der Freude an seinem treuen Herzen. Solche Szenen vermag keine Feder zu beschreiben, und wer in ähnlicher Lage sich be­funden und Dem der Schöpfer eine reine Seele, ein tiefes Gemüth erhielt, vermag sie wahr und treu zu empfinden. Als sich der erste Sturm des Gefühls gelegt, als die besorgte Mutter tausend Fragen nach dem Ergehen und Befinden des lieben Sohnes gethan und ihn durch Speise und Trank erquickt hatte, saßen Beide am Fenster des freundlichen Stübchens und unterhielten sich im traulichen Wechselgespräch mit einander. Da wandelte sittig grüßend ein holdes Mägdlein vorüber, deren Antlitz sich mit Purpurroth überzog, als ihr Blick dem feurigen Auge des schönen Jünglings begegnete.

Um Gott, liebe Mutter, wer ist die holde Jung­frau, die Dir so freundlichen Gruß zuwinkte?" fragte der überraschte Gotthilf.

Kennst Tu nicht mehr Jutta, unseres reichen Nachbars Tochter,« entgegnete die Mutter,deren Le­bensretter Du einst warst? Ja, ja, sie war damals nur noch ein Kind, als Du die Heimat verließest, und ist unterdessen zur blühenden Jungfrau herangewachsen. Sie hat sich in Deiner Abwesenheit wie eine Tochter meiner Pflege angenommen und kommt täglich, mich zu besuchen um mir irgend eine Erquickung zu bringen und nach meinem Befinden zu sehen. Ein solch liebes, treff­liches Kind giebt es in ganz Marienburg, in der ganzen Welt möchte ich sagen, nicht als Jutta. Wie oft und viel habe ich mit ihr von Dir gesprochen, wenn uns durch den frommen Hilariuö Kunde von Deinem Auf­enthalte und Deinem Befinden wurde! Mit welcher Dankbarkeit denkt sie stets an Dich zurück, der einst mit Aufopferung des eignen Lebens das ihrige retten wiKIte; und Du kannst das gute Kind so leicht vergessen!« So ergoß sich gleich einem unaufhaltbaren Strome die Rede der freundlichen Alten.