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Hers selber Anzeiger.

Nr. «2. Hersfeld, den 4. August. 1855*

Der »Hers felder Anzeiger« erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. Preis desselben bei der Erpe» bitten (Neumarkt No. 587) pro Quartal 7 Sg». 6 Hllr.; bei den Pestanstalten kommt der übliche Postaufschlag hinzu. Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Zeile oder deren Raum mit 8 Heller, bei Wiederholungen mit 6 Hllr. berechnet.

DaS Muttergottesbild der Marienburg.

Eine historische Erzählung aus dem Jahre 1338.

1.

In wehmüthigeErinnerungen vertieft, saß Gotthilf Blume, ein geborener Preuße aus Marienburg, dem Sitze des deutschen Hochmeisters, auf einem Steine am Hafendamme des mächtigen Benedig. Murmelnd bra­chen sich die Wogen des adrialischen Meeres am Gestade, golden erglänzten die Thürme, Kuppeln und Paläste der blühenden Republik, von den Strahlen der scheidenden Sonne erleuchtet; glänzende Segel durch des Abendroths Glühen rosig gefärbt, glitten stolz und sicher, gleich kö­niglichen Schwänen, über die sich kräuselnde Flut, und ein reges Leben und Treiben zeigte sich im Hafen der Königin des mittelländischen Meeres. Hier war ein Schiff mit den Erzeugnissen der Levante angelangt, die von diesem Handelsplätze aus an das ganze übrige Eu­ropa versandt wurden; ton fanden sich P i i g c r von der frommen Wallfahrt nach dem heiligen Grabe ein, die, nach ihrer fernen Heimalh ziehend, 'der sie umringenden neugierigen Menge ihre Abenteuer mütheilen mußten. In der Nähe unseres Landsmannes sanken die geliebten Zeltern und die zärtliche Braut in die Arme eines Jüng­lings, der, sie schon von Ferne erkennend, mit einem weißen Tuche vom Bord aus ihnen seinen Gruß zuwinkle und kaum die Zeit erwailcn konnte, bis das, gleich ei­nem Bogel, über die Wogen dahin gleitende Fahrzeug ihn ans ersehnte Land brächte. Bei dieser herzlichen ergreifenden Scene erwachte in Gotthilf mit erneueler Stärke das Heimweh, welches ihn aus dem Jubel froher Genossen allein zum Hafen geführt hatte. Sein liebes Mütterchen, deren einziges Kind er war, von deren Her­zen er sich vor fünf Jahren loöriß, um feine Bildung zu vollenden und feine Sehnsucht nach der Ferne zu be­friedigen, stand segnend in ihrer Freundlichkeit und Milde vor ihm; und manche theuere Erinnerung aus der Hei­mat und der Jugend goldnen Tagen erwachte mit erneue- ter Stärke in seinem Innern.Ja, fort zur Heimat! zum lieben Preußen lande!" rief er unwillkürlich laut aus, so daß die Umstehenden aufmerksam auf ihn wur­den und ihn neugierig umringten. Schleunig entfernte er sich aus dem um ihn versammelten Kreise und eilte

auf sein Stübchen in dem prachtvollen Palaste des Deut­schen Ordenshauses, welcher in früherer Zeit, ehe die Residenz nach Marienburg durch den Hochmeister Sieg­fried von Feuchtwangen im Jahre 1309 verlegt wurde, das Oberhaupt desselben in seine geräumigen, mit fürst­licher Pracht geschmückten Gemächer aufnahm. Hier an- gekommen, ordnete er seine geringen Habseligkeiten und rüstete sich mit allem Ernste zur Rückkehr.

Bald waren seine Sachen und Angelegenheiten ge­ordnet, er sagte seinen Gönnern und Freunden ein dank­bares, herzliches Lebewohl und verließ eine Stadt, in deren Mauern er manches Herrliche geschaut, genösse« und erlernt hatte. Schon in jener Zeit zeichnete sich Benedig nicht nur als der Sitz des Handels und Reich­thums, sondern auch durch seine Kunstschäße, seine Fabriken und seine Bildung aus. Wir wollen unsern Wanderer auf seiner glücklichen aber beschwerlichen Heim­reise nach dem geliebten Preußenlande nicht weiter be­gleiten, sondern unterdessen den Leser mit den LebenS- Verhältnissen unseres jungen Landsmannes näher be­kannt machen.

2.

Gotthilf Blume war der Sohn eines armen rechtlichen Töpfers, den im Anfänge des 14. Jahrhun­derts des deutschen Ordens mehr und mehr wachsende Macht aus Deutschland nach Preußen geführt hatte; bald nach jener Zeit, als GrafMeinhard von Ouerfurt, der Landmeister, das gewaltige Unternehmen vollendet hatte, durch Eindämmung der Nogar und Weichsel die herrlichen Gebiete der Werder der wilden Gewalt der Gewässer zu entreißen und dadurch für ewige Zeiten zu fruchtbaren, segenspendenven Fluren zu verwandeln. Hier fand er in der Tochter eines Handwerksgenossen eine brave Gattin, die ihn mit einem einzigen Kinve, unserm Gotthilf, beschenkte. Gesund und'lebensfroh wuchs der muntere, schöne Knabe heran und zeichnete sich vor seinen übrigen Gespielen durch Muth, Entschlossenheit und ein edles Wesen aus, so daß er bei ihren Spielen gewöhnlich zu ihrem Anführer erwählt wurde und sich ihrer Liebe und Anhänglichkeit erfreuen konnte. Einst befand sich Gotthilf an den Ufern der reißenden Nogat, als Jutta, die siebenjährige Tochter des reichen Raths- und Handelsherrn Eckard, der ein großes Haus