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Hcrsfelder Anzelger.

Ne. 58. Hersfeld, den 21. Juli. 185».

DerHerSselder Anzeiger» erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. Preis desselben bei der Expe­dition (Neumarkt No. 587) pro Quartal 7 Sgr. 6 Hllr.; bei den -Pestanstalten kommt der übliche Postaufschlag hinzu. Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Zeile ober deren Raum mit 8 Heller, bei Wiederholungen mit 6 Hllr. berechnet.

'y Seine Königliche H oheit der Kurfürst haben allergnädigst geruhet:

dem Hofmarschall von Heeringen die erbetene Erlaubniß zur Annahme und zum Tragendes demselbdn von Seiner Maje­stät dem Könige von Hannover verliehenen Commanbeurkreuzes erster Classe des Königlich Hannoverschen Guelphen-Ordens zu ertheilen.

Eine oftpreußische Ruine.

Novelle von Friedrich B.alte.

(Fortsetzung.)

Es vergingen ihm mehrere Wochen düster und trübe, bis es wieder anfing Frühling zu werden; er verließ selten das Haus und brach den Umgang mit seinen Be­kannten ab; so daß red Apotheker auf ihn unwillig wurde, daß er nicht deutlich mit der Absicht hervortrat, seine Tochter zu heirathen. Er beklagte sich darüber bei seinem Freunde, dem Stadtverordneten unv dessen Frau, die, da sie die Abenteuer jener Fastnachtsballnacht kannte und wußte, daß Eveline dort von jemand anders, als ihrem Sohn Erklärungen, Betheuerungen und Schwüre empfangen, das Mädchen seit der Zeit sorgfältig beobach­tet und bewacht hatte.

Ihr war nicht entgangen, daß die Kälte im Betra­gen ihrer beiden Kinder eine gegenseitige war, daß Eve- line ebenfalls mied, Karl zu begegnen,' und daß sie an manchen Tagen sich auffallend lang, spät und allein der ersten Frühlingsbestellung des Gärtchens hinter ihrem Hause, wie in früheren Jahren nie, hingab, und, daß, waS noch auffallender schien, gerade an denselben Togen der 'junge Doktor hinter dem Heckenzaun dieses Gärt­chens ebenso lange, spät und allein zu promeniren pflegte. Das kleine Gäßchen, an welches der Garten stößt, ist zwar für die Gartenbesitzer eine sehr bequeme Kommunikation und es liegen darin auch, in nicht gar zu weilen Zwiichcnräumen genug Pflastersteine um'es im Frühjahr leidlich trockenen Fußes paisiren zu können und die Hecken an den Zäunen fingen schon an zu grü­nen, aber Karls Mutter schienen all diese schönen Ei- gensichästen des Quergäßchens nicht hinreichend, um die Promenaden des Doktors vollständig zu erklären. Wenn

Frauen, wie diese etwa, einzige Notizen über ihre zu­künftigen Schwiegertöchter wünschen, und man kann ebenso Vortheilhaftcs auch gewiß von andern Töchtern Evas, sogar bei noch andern Veranlassungen vermuthen, so pflegen sie über die Wahl ihrer Mittel nicht gerade ver­legen zu sein. Eine kleine Intrigue und man hört, was man erfahren wollte.

Die Frau des Stadtverordneten hörte nun, daß nach solchen Garten-Abend-Promenaden, Fäulein Eveline gern allein aus ihrem Zünmer blieb, und da sie dann, wenn zufällig die kleine Serpentine iher Zofe, die durch­aus nicht neugierig war, die Thür öffne, ein kleines vier­kantiges Ding, was geradeso aussah, wie ein Briefchen aus weißem Schreibpapier in ihrem Busen berge.

Eine kluge Frau, (unv es wäre eine Verleumdung wenn Jemand behaupten wollte, es seien nicht alle Frauen klug) braucht sicher nur wenig zu erfahren, um viel zu wissen. So die.Gattin des Lladtverordneten.

Als nun der Apotheker sich eines Nachmittags wie­der über Karl beklagte, seine Kälte rügte und auf eine endliche Verlobung drang, gab Karl's Mutter die Wahr­heit aller Thatsachen gutwillig zu, die Evelinens Vater von ihres Sohnes sonderbaren Betragens anführte, es mochte wohl in ihre Pläne passen solche nicht zu bestrei- ten; pe begann aber dann (sie hoffte noch immer den Widerstand ihres Sohnes gegen die proponirte Verbin­dung endlich doch zu überwinden) nach einigen Seufzern und, wie es schien sehr ungern, auf Evelinen's Betragen gegen Karl Hinzuweisen und daraus dessen Zurückhal­tung gegen sie zu erklären.

_Nachbar" sagte sie, und seufzte noch einmal,mein Mann und ich danken Gott, daß unser Kind kein Mäd­chen ist. Mag einmal Jemand versuchen, die zu über­wachen. Zu meiner Zeit," lenkte sie ein,war das frei­lich anders. Ich habe, außer mit meinem Mann, nie nne Liebschaft gehabt, und den auch erst am Tage vor unserer Verlobung zum ersten Mal gesehen. Früher durf­ten die Aeltern wohl die Ehen ihrer Kinder schließen, aber letzt haben die jungen Damen gern ein halbes Dutzend Anbeter zugleich. Will einmal ein redlicher . stvn um ihre Hand anhalten, so wird er erschreckt und zieht sich zurück."

,Ei, Frau," wendete ihr der Apotheker verwundert ein,^hr zielt doch nicht etwa auf meine Eveline, als