Hcrsfclder Anzelger.
Nr. 56
Hersfeld, den 14. Juli.
1855
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Seine Königliche Hoheit der Kurfürst haben allergnädigst geruhet:
dem Obersten von Schmidt, Commandeur der Landgen- darmerie,
dem Oberstlieutenant von Baumbach, Commandeur des Leibgarde-Regiments, und
dem Leibarzt Geheime Hofrath Dr. Bunsen das Ritterkreuz des Kurfürstlichen WilhelmsordenS zn verleihen.
Eine oftpreußische Ruine.
Novelle von Friedrich Balte.
(Fortsetzung.)
Der Apotheker rieb sich vergnügt die Hände und verließ jetzt seinen Posten. Er war so voller Freude, daß er weder rechts noch links sah, und daher auch bald von einem Paar Tänzer angewalzt wurde. Er blickte erschreckt in die Höhe und schaute in die, wie ihm schien, sehr höhnischen Augen deS Chinesen, und schrieb statt seiner eigenen Unachtsamkeit das Reokontre einer Absicht desselben zu- Sobald er daher sah, daß derselbe seiner Dame für den Tanz gedankt, eilte er zu ihm und sagte mit wüthender Stimme, so laut, daß eS die Umstehenden hören mußten x
„Ich finde es wenig schicklich, Chinese, daß Sie heute Abend irgend anders Platz suchen, als wo ich schon bin."
„Ei," war die kalte Antwort seines gelben Gegners, „ich dächte Sie hätten mich herantanzen sehen müssen; wir sind hier nicht auf der Jagd, Jäger, und Tänzer sind kein Wildpret, daß sie uns auf fünf Schritt nicht zu unterscheiden dürfen brauchen."
„Wie," schnaubte der Apotheker, „was meinen Sie da mit Wildpret, das ich nicht auf fünf Schrille erkennen söllte?"
Es bildete sich um die Zänker nun ein Kreis von Zuhörern, die mit dem größten Vergnügen den Apotheker in seiner zweifelhaften Jägerehre kränken hörten, und ihn durch Gelächter und scherzhaften Applaus noch mehr aufregten.
„Bah," sagte der Bürger deS heiligen Reichs der Mitte sehr ruhig, „wenn Sie mich nicht herantanzen sahen, sollte ich meinen, dann werden Sie auf der Jagd
gerade viel mehr Glück haben; dann müssen Sie wohl Hasen mit Stroh im Bauche treffen und Ihren eigenen Hund statt eines Hasen erschießen und eS ist nicht möglich, daß Sie auf fünf Schritte eine zahme GanS von einem Rebhuhn unterscheiden."
„Herr," entgegnete ihm der Falkonier mit wuthzit- ternder Stimme, „Sie injurircn mich!" als sich ein kleiner dicker Mann in ein kurzes hellbraunes Wams gekleidet, ein mittelalterlicher Phalbürger durch die lachenden Zuhörer drängte und sich eifrig bemühte, die Streiten-^Zio».^ den zu trennen; er redete dem Chinesen ängstlich ju^ v den Falkonier zu versöhnen, wenigstens sofort zu wich . derruscn. i
„Nun ja," entgegnete itzstr Karl dann launig, »dasi^A^ , will ich thun," und indem er sich an die Umstehenden^^ wandle, sagte er lachend: „Ich widerrufe, was ich eben " "“r" geäußert habe, schöne Masken; ich gebe die Möglichkeit zu, daß dieser Jäger doch eine zahme Gans auf fünf Schritt von einem Rebhuhn unterscheidet, und, daß er keinen Hasen selbst schießt, die Spreu im Leibe haben, statt der Knochen."
Da erhob sich ringsum ein schallendes Gelächter und Karl ging ruhig weiter, der kleine Grüne und der Friedliche blieben verdutzt stehen, und, als ersterer sich wieder gesammelt hatte, sagte er zu diesem:
„Ha, dem Menschen sollte ich meine Eveline geben, nimmermehr. Wissen Sie, Stadtverordneter," sagte er dann dem Phalbürger, „wer das war?" „Ich glaube, ich weiß nicht" stotterte dieser. „Ach, das ist der Bösewicht, der neue Doktor," polterte der wüthende Apotheker.
«Gott sei gedankt, daß er ihn nicht erkannt hat," murmelte Karls Vater und eilte zu der langen Nonne, die noch immer Eveline bewachte, um dieser den fatalen Vorfall zu erzählen und Rath und Trost zu holen. Um nun ungestört mit ihr reden zu können, nahm er ihren Arm und führte sie in ein Nebenzimmer. Sofort erschien auch der Türke wieder und engagirte die Sklavin zum Tanz. Als die Eheleute aber nach einiger Zeit etwas verstört durch die gegenseitigen Enthüllungen wieder in den Saal kamen, suchten ihre Augen vergebens das Paar, und der Apotheker huschte an ihnen vorbei und sagte schmuggelnd:
„Unsere Kinder sind in einem Nebenzimmer. Ha,