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Hersfeld, den 7. Juli

1855

DerHersfelder Anzeiger« erscheint wöchentlich zweimal, Mittwoch- und Sonnabends. Preis desselben bei der Exp«. Aktion (Neumarkt No. 587) pro Quartal 7 Sgr. 6 Hllr.; bei den Postanstalten kommt der übliche Postaufschlag hinzu. Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Zeile oder deren Raum mit 8 Heller, bei Wiederholungen mit 6 Hllr. berechnet.

Nr. 54.

Eine ostpreußische Ruine.

Novelle von Friedrich Balte.

(Fortsetzung.)

Karl war während dessen nach Hause geeilt. Sei- men Keltern hatte er weder Ziel noch Zweck" seiner Reise vertrauen zu Dürfen geglaubt und richtete nun, nach der ersten Begrüßung, den für einen jungen Mann freilich sonderbaren Auftrag Anka's aus.

Seine Mutter war eine große, hagere Frau, alt­fränkisch, aber etwas bunt gekleidet; sie trug eine schwarze Haube mit , rothem Bande besetzt, ein blaues Kleid von einheimischen Wollenzeuge, und eine Schürze, die so breit war, daß sie hinten wieder schloß. Sie hörte ihren Sohn verwundert an, klappe, te dann sehr laut mit einem gro­ßen Schlüsselbunde und sagte;

".Ei, es Dünst mich, es paßt sich für Dich nicht, wie Mit Kind Botschaften für meine Spinnmädchen zu tragen. Man spricht so allerhand über Dich und was Du Dir Kr sooverL«rtn Umgang gesucht hast, ich mag Dir gar nicht Wes tagen."

"So?" entgegnete ihr der Sohn,ich mag cS auch nicht hören." Dann setzte er nach einer Pause hinzu, wem er sich bemühte so gleichgültig zu sprechen, als hrenge dies gar nicht mit dem Verhandelten zusammen: Anka bleibt bei ihren Verwandten auf dem Lande."

,^as ist gut," sagte die Frau dann kurz und ernst. Karl wurde durch diese Unterredung verstimmt. Er wußte, seine Mutter liebte ihn sehr, mochte aber in ihrem Hause möglichst Alles selbst thun, wenigstens von Allem, was Andere thaten, wissen; diesmal durfte er weder ihre Reugierde durch ausführliche Schilderung seiner Vermu­thungen über die alte Liska befriedigen, noch ihre Tha- lenlust zu Hülfe rufen. Bei feinem Vater durfte er auch wenig Trost über den scheinbaren Verlust der mütterlichen Freundlichkeit hoffen, derselbe war wohl im Städtchen ein -yr angesehener Mann und in Kommunal- und Land- fchastsangklegendeiten hätte keiner der Nachbarn gegen hanteln gewagt, aber diesseits seiner Hausthure galt nur das Regiment feiner Frau.

Dieser Vater der Stadt" hielt zugleich einen Gewürz- Wb Kramladen und man sah seine kleine, dicke Gestalt mit ro.them Gesicht und fortwährenden Lächeln den Tag über meist in demselben, weil er sich vor den Augen vie­

ler Leute am sichersten vor seiner Frau fühlte und weil diese ihm in fremder Gegenwart eine gewisse Scheinge­walt concctirte, die er mit'ihr allein nicht ausüben durfte. Da die Gatten zwar höchst verschiedener Gemüthsart, sie heftig und kräftig, er zwar beweglich, aber unentschlos­sen, Beiee aber gutmüthig und brav waren, Beide wirth- * . . schaftlich und hausverstänvig, so war ihre Ehe im ®nrt^ ^ doch keine unglückliche.

Der Stadtverordnete, so ließ sich der alte Karl nach seinem Ehrenamte im Städtchen gern nennen, beugte sich nicht bei allen Gelegenheiten gutwillig unter das Joch seiner Gattin, sondern versuchte manchmal einen Widerstand, dessen Ende das kluge Weib an seiner Drohung erkannte: ein großes Unglück anzurichten.

Ich richte ein großes Unglück an," versicherte er mit zorniger Miene, wenn er sah, daß sein Wille nicht durchdrang. Er verließ das Zimmer, warf die Thüre heftig zu, bemühte sich auf seinen Pantoffeln, wie ein betpornter Kavallerist durch den Flur zu stampfen, brächte den Haushund zum Heulen und schlug mit einem Beile leeren Zuckerfässern auf Dem Hofe den Boden ein, und zerhieb alte Kisten, so viel eben unbrauchbar waren; dann warf er ein Tönnchen, in dem Glasscherben gesam­melt waren, weit weg zu Boden, daß es klang, als zer­schlage er ein ganzes Waarenlager. Doch seine Gattin s^am nicht so leicht Angst und warnte ihn wohl noch höhnisch: er solle sich ja keinen Schaden thun.

Als Regent im Städtchen wußte der Stadtverordnete sich besser in Ansehn zu halten, er theilte die Kräfte sei­ner Gegner, ging mit dem einen zu Bier und lud den andern zu Kaffee.

Seit langer Zeit vereinigten sich die Wünsche des Ehepaars wieder in einer Sache, Beide wollten ihren Erben bald verbcirathen und Beide stimmten auch in der Wahl der Schönen, die Karl beglücken sollte, Beide hoff­ten ihn als Schwiegersohn des Apethekers zu sehen, der reich und angesehen, und dessen Tochter Eveline, jung schön und liebenswürdig war; da konnte doch für Karl freilich keine bessere Partie gewünscht werden. Dem Apo­theker war der junge Mann auch ein erwünschter Toch­termann; er halle ihn als Kind liebgewounen, und schor? vor Jahren die wichtige Angelegenheit mit seinem Freunde, Dem Stadtverordneten verhandelt, der, selbst wohlhabend von dem geizigen Vater für seine Tochter nur pH mHi-