Hersselder Anzeiger.
Mp. 53* Hersfeld, den 4. Juli. 1855+
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Eine oftpreußische Ruine.
Novelle von Friedrich Balte.
(Fortsetzung.)
Der Tag war so schön wie der gestrige; sie fuhren bald über offenes Feld, bald durch Wald, preußischen Urwald. Dank der abgelegenen Lage dieser Geholze, sind sie noch nicht von neumodischer Foistkultur so ent- holzt, wie die Wälder des Westens. Noch führen nicht jene schnurgeraden, langweiligen Wildstraßen durch das Dunkel dieser tausendjährigen Eichen und Buchen, durch deren dichte Laubkronen die Sonne neugierig runde Blicklichler wirft; noch sind diese uralten Tannen nicht Stück für Stück klassifizirt und registrirt und noch ist nicht jede Baumgruppe bemarkt und bepfählt.
Rudel schlanker Rehe, hin und wieder ein einsames Elend, scheue Wildschweine und perfide Lüchse treiben hier noch ihr Wesen fast eben so ungestört, wie vor tausend Iahn». Hoch am Himmel zieht der Adler seine großen Kreise und mächtige Raubvögel finden hier willkommene Beute an tausend Arten bunter Vögel, an Hasen und jungen Füchsen. Die Walbbäche eilen rauschend nach den stillen Seen, von deren rohrbewachsenen Ufern der Tritt des Jägers ein oder zwei Mal im Jahr Schaaren hundert verschiedener Arten Waffervögel, wie Wolken gegen den Himmel auftreibt. Die geschickten Taucher, die klugen, wilden Gänse, die blanken Schwäne und die langbeinigen Schnepfen, die melancholischen Kraniche und die stolzen Reiher nisten auf den Rohrinseln, in deren schwankendem Boden wohl eine schlanke Elfe Wurzel schlagen kann, in dem der kühne Jäger aber ohne Rettung versinken muß.
An den Waldrändern suchen Birken und Linden, Ebereschen und Espen Raum und Luft, wie wenn sie den Waldfürsten drinnen nicht den Platz streitig zu machen wagten und Haffeln, Schlehe und Kreuzdorn ziehen dichte Hecken, wie zum Schutz gegen unberufene Eindringlinge. Das sind noch Wälder deren heilige Stille keine weithinschaUenden Arischläge entweiht und wo nur selten das Hussah des Jägers und das Klaffen der Hunde ertönt.
Dann fuhren die Reisenden über Ebenen, die durchbrochen werden von Zügen niedriger Hügel, zu denen aber der Boden nicht wellig aussteigt, sondern deren
Ränder nach den Thälern steil abfallen und so der Landschaft Abwechselung und einen eigenthümlichen Charakter geben. Sie kamen zwar über weite Strecken noch unangebauten Landes, aber der gepflügte Acker hatte die Sorgfalt des Landmannes reich belohnt.
'Ihr Weg führte durch das Dorf P. und, als sie hier langsam durchfuhren, eilten die Bewohner herbei, um ihren Seelsorger zu grüßen und seinen Segen zu empfangen; sie boten den Reisenden Erfrischungen an, einfach, wie sie das Land bietet, schwarzs Brod, Honig und Milch, und als diese ausgestiegen waren, beugten sie vor dem ehrwürdigen Priester ihre Knie und küßten den Saum seines Gewandes.
Bon P. aus fuhr man neben dem Nestriz-Fluß, der bei der Stadt gleichen Namens den See verläßt und, wenn hier auch noch seicht und schmal, doch romantisch durch hohe, waldbewachsene Ufer und über Steingeröll und alte Baumstämme plätschert.
Endlich gegen Mittag sah man Nestriz unten vor den hohen Schloßberg gelagert, mit seinen niedrigen, weiß mit Schindeln gedeckten Häusern, über die sich, als ein schöner Schmuck die Komthurei, das Kloster und die Kirche mit ihrem schlanken und spitzen Thurm erhoben. Man fuhr über schlechtes Pflaster nach der Stadt herein, bog dann in einen sandigen Seitenweg, durchfuhr ein Gewirre von Scheunen und Lehmhütten und hielt vor der niedrigsten und zerfallendsten an.
Hier wohnte Anka, und die Reisenden stiegen aus. Die Thür des Gebäudes war in eine obere und untere getheilt, man sonnte von Außen den Holzriegel zurückschieben, trat in einen engen Hausraum und Karl öffnete rechts Anka's Zimmer.
Das Zimmer, oder vielmehr die Kammer, war sehr niedrig und so klein, daß ein mächtiger Lehmosen, zwei Lagerstätten, eine große, rothbemalte Kiste und zwei alte Schemel fast den ganzen Raum einnahmen. Der Estrich war rein gefegt,, ein Paar Blumentöpfe standen vor dem kleinen Fenster, an dem draußen ein Schauer mit einer Singdrossel hing und große Büschel bunter Feldblumen standen in blauen, irdenen Töpfchen, als einziger Schmuck des Raumes auf Ofen und Kiste.
Anka saß neben dem Kamin auf der Ofenbank und spann. Sie war einfach in blaues Leinenzeug gekleidet, auf das kleine, weiße Blümchen gedruckt waren, ihr reiches, hellblondes Haar war aus dem Gesicht ge-