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Hersfelder Anzeiger.

Nkv. 50* Hersfeld/ den 23. Juni. 1855*

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Kassel, 21. Juni. Se. Königl. Hoheit der Kurfürst und AUerhöchstdessen Gemahlin, Ihre Durch­laucht die Fürstin von Hanau, sind heute von Wil­helmshöhe nach Bad Ncnnrorf abgereist.

Seine Königliche Hoheit der Kurfürst haben allergnädigst geruhet:

dem Sattlermeister Adolph Stepheni zu Kassel das Prä» dicatL-Hofsattler» zu ertheile»,

den Obergerichts-Neferendar George Arnold in Kassel jum Obergerichlkanwalt daselbst ju bestellen.

Eine ostpreußische Ruine.

Novelle von Friedrich Balte.

(Fortsetzung )

»Als ich ein Knabe von acht Jahren war," fuhr der Jüngling nach einer kleinen Pause fort,erkletterte ich mit fünf oder sechs Gespielen an einem schulfreien Sommernachmittag den alten Schloßbcra.

Spukgeschichten, wie ich sie Ihnen eben selbst er­zählt habe, und eine Sage von einer Prinzessin, die bis­weilen auf einem weißen Rosse aus dem See taucht, halten sich in unfern kleinen Köpfen tüchtig verwirrt, und am Tage und in größerer Gesellschaft wollten wir die Wahrheit der romantischen Erzählungen, die uns oft im Halbdunkel der Kinderstube schaudernd gemacht hatten, selbst untersuchen, und hatten uns die schönsten Reden ausgedacht, die wir an etwaige Spukprinzessinnen, Ritter oder Nonnen halten wollten. .

»Nun war es an diesem Tage sehr heiß und als wir einige Zeit zwischen den Ruinen gespielt hatten, hin und wieder noch ein verwellenes Slück Tapete aus einer Nische gerissen und bald durch das Echo unseres eigenen Lärms, bald durch andere fremde Naluriöne erschreckt waren, stieg ein starkes Gewitter am Himmel auf und es begann zu donnern und zu blitzen. ,

Das kam uns wirklich unheimlich genug vor, um uns nach Hause zu treiben. Wir liefen schnell durch den

Thorbogen nach dem Burggraben hinunter; ich war der letzte da schlug ein Blitzstrahl oben in den alten Thurm und seine Wirkung war so heftig, daß mir, ob­gleich fast hundert Schritt davon entfernt, ein Feuermeer plötzlich vor den Augen flammte und ich betäubt nie- derfank.

»Meine Kameraden waren zu kopflos, um mir zu Hülfe zu eilen; sie liefen nach der Stadt und berichteten dort von dem Blitzstrahl, und daß sie gesehen hätten, wie eine gespenstige Gestalt aus dem Boden gestiegen, mich aufgeraffl habe und mit mir verschwunden sei.

»Meine Aeltern erfuhren erst nach Verlauf etwa ei­ner Stunde den Vorfall und sendeten erschreckt Boten nach mir zur Ruine. Am Fuße des Schloßberges schon trat ich diesen wohlbehalten entgegen.

Befragt, erzählte ich, daß ich durch den Gewitter­schlag betäubt und niedergeworfen und weiter nur wisse, daß mir die Besinnung in einem, schönen, allen Saal mit rothen Tapeten, bunten Wandgemälden und goldenen Stühlen wiedergekehrt sei. Ich wußte, daß der Saal halbdunkel und um mich eine Frau mit verhülltem Gesicht und in weißen Kleidern/ wie die Nonnen auf den alten Kirchenbilvern, und ein kleines Beitelkind beschäftigt ge­wesen waren.

»Frau und Kind hatten gesprochen, ich hatte aber nicht einmal verstanden, in welcher Sprache, und die Frau hatte mich, erzählte ich an die Hand gefaßt und durch finstere Gänge, bald auf steilen Treppen in die Höhe, bald herunter geführt, ich habe vor Angst nicht weiter gekonnt, da habe sie mich empor gehoben und getragen und eben hier abgesetzt. Wo sie geblieben, konnte ich tucht sagen.

»Man verlachte meine Erzählung und hielt sie für das Ergebniß eines sehr lebhaften Traumes, doch wun­derte man sich über die Uebereinstimmung meiner und meiner kleinen Begleiter Angaben, die auch eine weiße Frau, wie ich sie beschrieb, gesehen haben wollten. Es hatte heftig geregnet, aber meine Kleider waren trocken und halten zahlreiche Lüaubflecke. Man zerbrach sich nicht weiter den Kopf darüber, verbot mir jedoch ferner