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welche sich in allen Zeitaltern und in allen Ständen, in welche die Mächtigen dieser Erde die ganze große, auf ihr wohnende Menschengesellschaft theilten, gefunden hat und auch ferner noch finden wird.

Hutzdert Schritte nur mochte noch die Stadt ent­fernt sein, als die scharfen Ohren der Wandernden den Tritt eines Pferdes vernahmen, welches von der Seite her durch den tiefen, morastigen Marschboden kam.

«Er wird umgekehrt und eben auf dem Deich zu- rückgeritten sein," flüsterte Franken. „Es wäre schreck­lich, wenn er uns nun noch einholte."

August hieb auf die Pferde mit verdoppelter Kraft, während Gert ihren Zügel erfaßte und sie gewaltsam mit sich fortzog. Wirklich gelang es, die ermüdeten Thiere noch zu einer letzten, mächtigen Anstrengung am zuspornen, so daß es ziemlich rasch weiter ging/ Wenige Minuten später jedoch hörte man eine laute Stimme in jenem weichen und schleifenden Deutsch, welches den ge­borenen Dänen charakterisirt und selten oder nie von ihm abgelegt wird.

„Haltet an im Namen des Königs! Haltet an oder ich schieße!"

Als dieser barschen Aufforderung in keiner Weise Folge gegeben wurde, fiel ein Schuß, welcher blitzähn­lich die Verfolgten und für diese ihren Feind, den Dä­nen Svend Kongslev, beleuchtete. August zuckte zusam­men — die Kugel hatte seinen Nacken gestreift, doch entfloh kein Schmerzenslaut seinen Lippen, denn eiserne Ausdauer und todverachtenve Kühnheit konnte hier allein noch Rettung bringen. Auch Frauken preßte den Mund zusammen, um den Angstschrei zu bannen, welcher sich ihm entringen wollte und sprach nur hastig, jedoch kaum hörbar:

„Um Gotteswillen, August, halte Dich fest an mir! Ich halte bei Dir aus, wie es auch kommt! — Kommst Du in's Schwanken, so bist Du verloren!"

„Hab' keine Sorge—ich will seien fest bleiben — es wird schon gehen!" erwiederte er sie beruhigend.

Jetzt war das Steinpflaster erreicht und der Wagen rollte im Galopp durch die schweigenden, mitternächtlichen Straßen, Gert Andersen im stürzendem Laufe immer die Rosse fortziehend. August dagegen ließ die bisher so fest gehaltenen Leitseile los, lief den dicht nachfolgen­den Dänen entgegen und fiel ihm in den Zügel.' Er entrang ihm das zweite Pistol, welches der Erstere her- vorgezogen. Es gelang August seinen Widersacher mit gewaltigem Arm um den Leib zu fassen und ihn vom Pferde zu reißen, dann ihm die Hände auf den Rücken zu fesseln und den Mund mit einem Tuche zu verbinden. Er hatte ihn auf den Boden gelegt und hielt ihn einige Minuten in dieser nicht sehr bequemen Stellung, ohne ihm indessen die mindeste Verletzung beizubringen.' Wäh­rend dieser Zeit wurde das Gerastet der Wagenräder immer undeutlicher und hörte endlich ganz auf und als Svend Kongslev etwa eine Viertelstunde auf seiner har­ten Lagerstätte verharrt war, fühlte er nach und nach die

mit eiserner Gewalt ihn niederhaltenden Hände seines Gegners sich lösen; dieser erhob sich plötzlich und Kongslev hörte in der tiefen Stille ringsum, wie er einige schwere, tappende Schritte that, laut stöhnte und dann mit einem jähen Fall zu Boden stürzte.

Svend Kongslev rannte schnell gefaßt die Straße herunter und begegnete hier endlich einem der Vertreter der Sicherheitspolizei, einen riesigen Nachtwächter, wel­cher als Hüter dieses Stadtviertels sich die ermüdende Länge der rabenschwarzen Nacht durch eine halbe Stunde erquickenden Schlummers auf einer Bank vor einer Hausthür verkürzt hatte. Schnell durch diesen Hüter des Gesetzes von allen Fesseln befreit, zog er diesen mit sich auf die Stätte des heißen, soeben stattgefundenen Kampfes. Nicht auf ihr, sondern etwa zwanzig Schritt weiterhin, lag August Ramkens, blutend und bewußtlos; Frauken Klausen kniete neben ihm und hielt ihn in ihren Armen. Sie war unbemerkt in der Dunkelheit auf die Seite getreten und hatte den Wagen feinem Schicksal überlassen. Dann hatte sie angefangen, ihren Gelieb­ten fortzuschleppen, um die letzte Möglichkeit zu versu­chen, ihn unbemerkt zu entfernen und war zuletzt neben ihm niedergesunken, denn auch kein einziges Mal kam ihr der Gedanke, ihn hüflos uno allein seinem Schicksal zu überlasten. Jetzt fiel er als ein willkommenes Sühnopfer dem erzürnten Zollbedienten in die Hände. Der Helle Strahl der Lampe des Nachtwächters fiel auf das hochgeröthele, mit der vollen Lieblichkeit kräftiger Gesundheit geschmückte Antlitz des jungen Mädchens, welches mit dem Gepräge angstvoller Besorgniß aus dem großen, weißen Tuch hervorsah, welches sie um die dunkelblonden Flechten ge­knüpft hatte, und eine Thräne des Kummers schimmerte in ihren blauen Augen, die sie wie flehend zu dem Dä­nen erhob.

„Pine og Död! Wa erdet fort naget ?" (Tod und Hölle was ist das?). „Du bist es, schöne Krügerin? Hast mir vor einer Stunde noch von ganz andern Din­gen vorgesprochen, wolltest vereinst mein Bräutchen wer­ben, wenn's Frühjahr kommt oder im hohen Sommer, wenn die reifen Kirschen da sind — und treffe Dich nun auf ganz andern Fährten — das gefällt mir schlecht, bei Gott!" rief dieser empört und verwundert. ,

„Ach Gott, Herr Konglev, wenn Sie jemals wirklich mir gut gewesen sind, so lassen Sie diesmal Gnade vor Recht ergehen! Sagen Sie, daß August Ramkens nicht derjenige ist, mit dem Sie gerungen, sondern daß Ihr Gegner Ihnen entsprungen sein ‘ muß. Meine ewige Dankbarkeit soll Ihnen werden!" .

„Geht nicht, Schätzchen, kann nichts daraus werden. Mit der Dankbarkeit ist mir nicht geholfen; hast mich a" der Nase herumgeführt und Dich währenddessen hinter­rücks an diesen verwegenen Burschen gehängt — das vergesse ich Dir nicht. Wirst nun mit ihm in's Zucht­haus wandern, wenn Du nicht ohne ihn fertig werden kannst, denn da soll er mit Gottes Hülse seine Frechhe» büßen."