persselber Anzeiger.
Nr. 38. H e r S f e l d, den 12. Mai. 18SS.
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Seine Königliche Hoheit der Kurfürst haben allergnädigst geruhet:
den bisherigen Hausmeister Georg Stautz in Frankfurt a. M. nunmehr provisorisch zum Bettmeistee bei der Hoskäm- merei zu ernennen.
Euch uu- LeLte.
Novelle von Dr. Hüg o Hagendorff.
2.
Ein Jahr mochte seit der Abreise des Vicomte verflossen sein, als die Athenais, die Gemahlin des FestungsKommandanten von Toulon, in einem zur ebenen Erde telegenen Salon in Gedanken versunken saß; sie hatte alte vergilbte Briefe vor sich liegen uno schaute wehmüthig ein Medaillon-Bild an. Draußen schlug der Regen an die Fenster und vas Feuer im Kamin drohte zu verlöschen; auch die Ampel brannte trübe, so daß es unheimlich rings um sie herum war.
Plötzlich fuhr sie auf; die Lärmkanonen des Forts wurden gelöst, das Zeichen, daß ein Galeerensclave entsprungen war. Unwillkürlich ging sie nach der Glasthür, als diese geöffnet wurde und ein junger Mann, vom Regen triefend, in der Kleidung Der Galeerensclaven vor sie trat.
Erschrocken wich sie zurück und wollte um Hülfe rufen.
„Fürchten Sie nichts, gnädige Frau," sagte der Sträfling mit einem Austanre, der'mit dem Slräslings- kleive im vollsten Widerspruch stanc. „Fürchten Sie mchts von mir; ich bitte nur um Mitleiden und schwöre Ihnen bet Allem, was Ihnen heilig ist, daß ich kein Verbrecher bin. Geben Sie mir nur bis morgen Abend ein Obdach; hier, bei Ihnen sucht mich Niemand, und als Sie neulich mit Ihrem Gemahl die Galeeren besuchten, beschloß ich sogleich, wenn meine Flucht einst gelingen sollte, zuerst bei Ihnen Hülfe zu suchen."
„Treten Sie näher, mein Herr, au den Kamin," sagte Athenais, die sich durch dieses Zutrauen geschmeichelt fühlte.
Der Galeerenselave, an dessen rechtem Arm noch ein Stück Kette befestigt war, gehorchte, und als er an
dem Tisch vorüberging, auf welchem die Briefe und das Bild lagen, rief er verwundert:
„Was? Vicomte Alfred's Bild?"
Die junge Frau erröthete.
„Sie kennen ihn?"
„Ja, gnädige Frau, aber jetzt ist keine Zeit, hier davon zu sprechen. Weisen Sie mir ein Obdach an, wo mich bis morgen Abend Niemand sehen kann, und ich schwör' Ihnen bei diesem Bilde, daß ich Sie keinen Augenblick belästigen werde."
Obschon die Baronin die Bekanntschaft des Sträflings mit dem Vicomte nicht begreifen konnte, so war doch grade diese Bekanntschaft mit dem von ihr noch immer geliebten Jugendfreunde ein Grund mehr für sie, sich des Flüchtlings anzunehmen.
„Treten Sie in dieses Gemach, mein Herr, und steigen Sie die kleine Treppe hinauf, dort ist meine Bibliothek, in die außer mir Niemand kommt. Sie werden hungrig sein, und ich werde sorgen, baß Ihnen Nichts fehlt. Aber — diese Kleidung! Man wird Sie wieder einfangen —"
„Fürchten Sie Nichts, gnädige Frau," entgegnete der Flüchtling lächelnd, „wenn Sie mich nicht verrathen, bin ich gerettet. Ich weiß, daß Ihr Gemahl morgen eine Dienstreise machen muß und aus diesen Umstand baute ich meinen Rettungsplan."
Er verneigte sich und ging tn das Nebenzimmer.
Die Baronin blieb in der peinlichsten Situation allein zurück. Nach einigem Nachdenken verschloß sie Briefe und Medaillon und klingelte dem Kammermädchen, welches den Befehl erhielt, Thee und Backwerk zu bringen. Sie selbst rührte Nichts an, sondern versteckte Alles unter dem Sopha. Nach einiger Zeit erschien der Baron mit sehr ärgerlicher Miene.
„Ich hörte Kanonenschüsse," sagte Athenais.
„Freilich, denn i§ ist ein Galeerensclave entwischt; wie er mit seinen Ketten hat durch den Graben schwimmen können, ist mir ein Räthsel. Vielleicht aber haben ihn die Ketten oder seine Kleider schon verrathen, zumal er, wie die Schilbwache, die vergebens auf ihn feuerte, beim Aufblitzen des Pulvers gesehen haben will, seine Flucht nach meiner Wohnung genommen hat."
„Was? zu uns?" fragte Athenais erbleichend.
„Beruhige Dich, mein Kind," entgegnete der Kom-