Her Ziel der Anzeiger.
Ste. »r. HerSfeld, den 9. Mai. 1855.
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Euch un- «Kette.
Novelle von Vr. Hugo Hagendorff.
1.
Die Polonaise war beendet und in dem Ballsaale des Hotel ** wogte die geputzte Menge der Damen und Herren auf und nieder, theils zu neuen Tänzen sich engagirenv, theils polilisirenv, denn die Geschichte ereignete sich zur Zeit der Restauration und es ist bekannt, daß, gerade wie einst die Römer nur panis et Circen- ses verlangten, die Pariser auch nur an zwei Dingen Gefallen finden, an einem Ball und einem politischen Gespräch.
Unberührt von diesem geschwätzigen Treiben lehnte in einem Fauteuil ein junger Mann zu Ende der zwanziger ^abre, blendend weiße Wäsche hob den schwarzen Anzug, auf welchem das Kreuz der Ehrenlegion zu sehen war, nur noch mehr hervor und der gekräuselte Bart, mit dem die weißen, seinen Hände zuweilen spielten, sowie die ganze Erscheinung, ließen den Mann von Geburt nicht verkennen. Er schien ganz andächtig auf das bunte Gewühl zu schauen, während seine Gedanken an einem ganz andern Orte waren.
„Sie tanzen nicht, Vicomte?" fragte ihn eine ältere Dgme, indem sie ihn im Vorübergehn leicht mit dem Fächer berührte.
„Nein, gnädige Frau," entgegnete der junge Mann und ein Schalten überflog sein Gesicht, „ich bin dazu nicht aufgelegt."
„So kommen Sie ins Spielzimmer, Vicomte, ich mochte mit Ihnen plaudern; hier aber, wo alle Welt tanzt, würde es zu sehr auffallen, wenn wir an der allgemeinen Freude nicht Theil nähmen."
, , ®*c ®ame ^"9 vma" und nach wenigen Minuten saß der Vicomte Alfred an rer Seite der Gräfin Au- relre, die ,m Anfang der dreißiger Jahre, noch immer für eine schöne Frau galt.
„Was fehlt Ihnen, Vicomte? Beichten Sie!" sagte die Gräfin. M
# »Ich habe heute eine Nachricht erhalten, die wohl im Stande war, mir die ganze nächste Zeit zu verbittern," entgegnete der Vicomte- «Sie wissen, daß der Marquis Kennte mit mir in der Nicolaischule erzogen
wurde, daß uns die innigste Freundschaft verband, und obichon er in ein Linienregiment nach der Provinz versetzt wurde, blieben wir 'doch in stetem Briefwechsel. Vergebens hatte ich seit einem Monat auf Nachricht von ihm gewartet und heute meldet mir einer seiner Kameraden das Schrecklichste, was ich nur Lesen konnte. Denken Sie sich, Marquis Seonge ist —"
„Nun?" unterbrach ihn die Gräfin neugierig.
„Galeerensträfling in Toulon!" entgegnete der Vicomte mit zitternder Stimme.
Die Gräfin erbleichte unter der Schminke und fragte nach einer Pause:
„Darf ich den Grundwissen? Vielleicht kann mein Gemahl als kommandirender General etwas für ihn thun."
„Der am wenigsten, gnädige Frau. Ich will offen sein. Sie wissen, daß Ihr Herr Gemahl nicht zu unserer polnischen Partei gehört und da die Politik jetzt leicht eine That zum Verbrechen stempelt, die unter andern Verhältnissen gar nicht weiter beachtet werden würde, so ist auch meinem Freunde nicht zu helfen. Er ist des Mordes seines Divisionschefs angeklagt."
„Des Mordes?" fragte Aurelie erstaunt.
„Freilich des Mordes," fuhr des Marquis mit spöttelnder Miene fort, „obschon es ein ehrliches Duell war; da aber der Gefallene der jetzt geltenden Partei angehörte, wurde, weil sie sich ohne Zeugen geschlagen haben, aus der Sache ein Mord gemacht und mein unglücklicher Freund ist Galeerensklave."
„Wissen Sie die Ursache des Duells?"
„Es heißt, der Brigabechef habe eine Dame beleidigt, zu deren Ritter sich der Marquis aufwarf, von spitzen Reden kam es dann zu spitzen Klingen und das Ende der Gelchichie wissen Sie."
„Armer Marquis!" sagte die Gräfin, und um dem Gespräche eine andere Richinng zu geben, fragte sie: „wissen sie schon, Vicomte, daß die reizende Athenais v. B- heirathel?"
Der Vicomte starrte sie an, als ob er träumte.
„Nun," fuhr sie fort, „das wundert Sie? mich wundert es gar nicht. Man erzählte zwar, daß sie eine innige Neigung zu einem Jugendgespielen fühle, allein was wiegt ein junger Kapilain gegen den schweren Epauletten eines Festungskommanoanten? Außerdem ist Athenais ohne Vermögen, und so hat man ihr