Hersseidcr Anzeiger.
§)v. 33» HerSfeld, den 2 k April. 1855»
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Der Pachter.
Im Jahre 1814 wurde Pelit-Bourg von dem com* mandirenden General der alliirten Armeen, Fürsten von Schwarzenberg, besetzt. Er schlug hier sein Hauptquartier auf und von dieser Stellung auö beobachtete er die Armee-Bewegungen um Paris und Fontainebleau, wo die großen geschichtlichen Begebenheiten des Augenblicks sich knüpften und auflösten, In den benachbarten Besitzungen waren die vornehmsten östreichischen, preußischen und bayerschen Offiziere einquartiert, die L-olvaten lagen in den Flecken und Dörfern Der Umgegend uno zwar in so großer Anzahl, daß viele Familien gezwungen waren, deren Zwanzig aufzunehmen, was freilich eine zernichtende, aber durch den Krieg unvermeidlich gemachte Last war. — In dieser Zeit erlitten sie Lanveigenthümer den Todesstoß. Jetzt dem Einstürmen der Feinde preis- gegeben, dann von Franzosen besetzt, die einen kurzen Vortheil gewonnen oder auf dem Rückzug begriffen, wurde eine solche Pachterwohnung oft zwei Mal in einem Tage, bald von Feinden und bald von feindlich handelnden Franzosen überschwemmt. Dennoch gab es während dieses Kampfes eine Zeit, wo man nicht einmal eine Klage beim Chef wagte, ein so strenges Kriesgesetz war gegen den kleinsten Fehltritt der Soldaten gegeben, und bei ernsteren Vergehen war das Tovesurcheil gleich fertig. Aus Menschlichkeit ließ man sich lieber den Verlust eines Hammels oder einiger Pfund Früchte gefallen, als den unglücklichen Marodeur der Strafe zu überliefern. Indessen wurde einst ein so ausgelassener Diebstahl begangen, daß der Beraubte, ein Pachter von Soich sous- Etioles (in der Umgegend von Villeneuve-Salni-Georges), in den allerbestesten Zorn ausbrach. Durch eine wichtige Angelegenheit genöthigt, drei bis vier Tage mit seiner Familie zu Villencuve-Saint-Georges zuzubringen, vertraute der Pachter seine Wirthschaft einigen Bauersfrauen an, Die zweimal die Woche Butter und Käse auf den nächsten Markt verkaufen mußten. Von der Reise des Pachters unterrichtet, brachen die deutschen Soldaten in seinen Weinkeller ein, entwendeten in Der ersten Nacht all seinen auf Flaschen gezogenen Wein und tie beiden folgenden Nächte fünfhundert Flaschen ertra feinen Wein, aufgespart für besondere Feierlichkeiten. Alles ging unter dem Deckmantel der Finsterniß fein still und geräuschlos. Ich weiß nicht, ov Eier uno Hühner nicht auch
sehr zu leiden hatten, die Hauptsache hat für die Neben- griffe keinen Platz gelassen. Als nun der Pachter zu- rückkam, wie mußte dieser Schlag ihn treffen! Einem Wolf ähnlich, denn Wuth macht zum wilden Thiere, hatte er bald mit heftigen Sätzen das Terrain zwischen seiner Wohnung und der Seine übersprungen, setzte über den Fluß, und begab sich in's Hauptquartier zum Fürsten von Schwarzenberg; denn er zweifelte nicht, daß die Diebe zu den in der Umgegend liegenden Regimentern gehörten,was auch durch verlorene Knöpfe, Schuhnägel, Pompons und viele andere Beweise bestätigt war. Ein Deutscher ist viel zu naiv, um nicht solche, eine gehörige Sentenz bildende Proben hinter sich zu lassen. Der Fürst bewilligte dem Pachter mit seiner gewöhnlichen Gefälligkeit Audienz und nachdem er die Klage vernommen, fragte er ihn: ob er die Strafe.kenne, zu welcher die von ihm Verklagten unwieverruflich verdammt werden ,müßten? — „Ich weiß es", erwiederte der in Wuth ' kochende Pachter; „aber sie haben es verdient!" — „Bedenken Sie sich noch", fügte der Fürst hinzu, „und kommen Sie morgen früh wieder. Bestehen Sie darauf, so soll Gericht gehalten werden, wonach das Todesurtheil erfolgt, das versteht sich von selbst." — Mein Entschluß bleibt fest, dachte der Pachter beim Nachhausegehen; was soll ich viele Plünderer noch schonen? Ist es übrigens meine Schuld, daß ihre eigenen Gesetze sie zum Tode venlNheilen? Mir wäre ihre Gefängnißstrafe genug
Am andern Morgen reicht der Fürst dem unbeugsamen Pachter die Hand entgegen und sagt: Nun, was haben Sie beschlossen?" — Daß ich nicht darauf verzichte, die Diebe vor das Kriegsgericht zu bringen!" erwiederte der Kläger hart. — „^ind Sie vielleicht auch Soldat gewesen? fragte cer Fürst. - „In meinem Alter i|t Jeder schon Soldat gewesen." — Der Fürst sann nach. Dann hob er wieder an: „Die drei Deutschen ,lnv mir bereits ausgeliefert; bevor ich jedoch morgen den Kriegsrath versammle, lade ich Sie ein, um zehn Uhr früh zu mir auf's Schloß zu kommen." —Der Pachter fand sich abermals pünktlich ein, nichts hatte aber bis jegt seinen Rachedurst erschüttert. In seiner alten Soldatennatur vereinte er den Groll des geplünderten Landmanns mit dem stillen Haß des besiegten Soldaten und zwischen diesen beiden Leidenschaften waren Vernunft und Mitleid in die Enge getrieben. — „Hier sind drei