Dcrsseldcr Anzeiger.
Re. SS. Hersfeld, den II. April. 18SL.
Der .HerSfelder Anzeiger" erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. — Preis desselben bei der Expe
dition (Neumarkt No. 587) pro Quartal 7 Sgr. 6 Hllr.; bei den aller Art werden ausgenommen und die Zeile oder deren Raum mit
Der Kandmann und das Gutachten.
Folgende Geschichte^ hat sich zu Anfang dieses Jahrhunderts" in einer gewissen Stadt zugetragen. In derselben wohnte dazumal ein berühmter Advokat, der besonders vom Lande her einen großen Zulauf hatte, und teilen Gutachten in allen Streitigkeiten wie Orakelsprüche galten. Ein wohlhabender Landmann, — wir wollen ihn Bernhard heißen (seine Nachkommenschaft ist uns wohlbekannt) — kam öfters aus den Markt in die Stadt, und hörte, wenn er im Wirhshause eingesprochen, fast immer von dem geschickten Rechtsmann erzählen, und wie bald der bald' jener von den Gästen oder den wohlbekannten Nachbarn sich eines Gutachtens belobte, daß er von dem Advokaten erhalten hätte. Da bekam unser Landmann besondere Lust nach einem Ad- vokaten-Gutachten, von dem er sich einen ganz besondern Nutzen vorstellte. Als er nun eines Tages einen sehr guten Markt gemacht und brav Geld gelöst hatte, so nahm er sich vor, jetzt auch etwas an die Erlangung eines solchen Gutachtens zu wenden, damit er sich tessen' wie die andern Leute, rühmen könnte. Also ging er zum belobten Advokaten, und sagte, er habe so viel Gutes über ihn gehört, daß er von der Gelegenheit prcfitiren, und ein Gutachten begehren wolle. Der Advokat dankte für das Zutrauen, und frug, ob er einen Prozeß habe? »Nein," sagte der Landmann: „Prozesse sind mir ein Gräuel, ich bin, gottlob, mit Niemand im Streit. „Habt ihr vielleicht, fuhr der Advokat fort, wegen einer Theilung, oder wegen Kauf und Verkauf allerlei Anstand? „Auch nicht," war die Antwort, «meine Familie," sprach der Landmann weiter, „rß, aus der nämlichen Schüssel, auch bin ich nicht so reich um viel kaufen zu können, noch so arm, um verkausen zu müssen." Nun, was wollt ihr denn, erwiederte der Advokat, voll Verwunderung? „Mit Erlaubniß — ein Gutachten, versteht sich, das ichs bezahle." Jetzt mußte der Advokat, der nun bie Stimmung des ehrlichen Landmanns durchschaute, fast lächeln, doch wollte er ihm seinen Willen thun, also nahm er einen Bogen Papier, frug den Mann nach seinem Namen, feinem Alter, seinem Wohnort, schrieb es zu dessen sichtbarer Zufriedenheit aufs Papier, fehle noch ein paar Zeilen Darunter, legte Den Bogen sodann säuberlich zusammen, und gab es dem erfreuten Mann mit dem Be- merfen, hier habe er ein Gutachten. Vergnügt stetste tS dieser in die Tasche, und legte dafür dem Advokaten
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einen Thaler auf den Schreibtisch. Den andern Tag. machte er sich aus den Heimweg. Es mochte 3 Uhr Mittags fein, als es nach Hause kam, und dort Frau, Kinder und Gesinde unschlüssig antraf, ob man jenen Tag noch ra^ Heu einfahren solle, das bereits feit zwei Tagen gemäht und pulverdürr sei. Die Frau meinte, man solle bis Morgen warten, der Winv sei ja gut, und die Arbeit würde heute bis in die Nacht dauern. Der Oberknecht wollte dem Wetter nicht trauen, und war snrS Heimholen. In diesem Zwiespalt gedachte der Mann seines mitgebrachten Gutachtens. „Halt," sprach er, das 'muß unö-Rath geben, hat es mich doch einen Thaler gekostet- Somit gab er es der Frau, sie solle es vorlesen. Diese nahm das Papier, und fand nach dem Eingang, den Namen ihres Mannes und sein Verlangen nach einem Gutachten enthaltend, blos den Spruch ausgeschrieben: „Verschiebe nicht auf Morgen, was du Heule noch thun kannst." „So ist's," rief ganz verwundert der Mann Ms, „das ist ein Gutachten, geschwind Alles aus's Feld, und das Heu eingethan; ich selbst will der Fleißigste sein." Und so geschah eS; man arbeitete bis zu einer späten Abendstunde, aber man wurde fertig, und dies augenscheinlich zum Segen. — Denn während der Nacht änderte sich das Wetter, es kam ein heftiges Gewitter, der Fluß trat aus, schwemmte das Heu zum Theil fort, zum Theil verdarb es. Die Nachdarn halten großen Schaden, nur Herr Bernhard blieb davor bewahrt.
Diese Wahrnehmung bestärkte mächtig fein Vertrauen zum Gutachten, der Lpruch des Advokaten galt ihm fortan als eine Hauptregel im Leben; durch Fleiß und Ordnung beachte er es auch zu einem schönen Vermögen. Gar oft bezeigte er dem Aovokaien durch ein Geschenk Butter oder durch einen Korb Obst seine fortwährende Dankbarkeit, denn das Gutachten betrachtete er als die Quelle seines Glücks. — Allerdings hatte der Himmel dem Advokaten-Spruch eine schnelle Bestätigung zugewenvel; dies geschieht feiten, Darum verdient Die ganze wahre Geschichte vor Der Vergessenheit bewahrt zu werden. Es sind noch Leute wohlbehalten am Leben, welche damals beim Heumachen thätig waren.
„Morgen, morgen, nur nicht heute, „Sprechen strts die trägen Leute."
Bei meinen geneigten Leser» soll aber das Heut dem Morgen nichts borgen.