Hersfelder Anzeiger.
Nr?. 27. H e r s f e l d, den 4. April. 1855.
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Flachs« Martha.
K a p. VII.
Schluß.
Den Sonntag hielt Martha Heilig; sie ruhte dann aus von des Lebens Sorgen und Mühen und gedachte des Tages, wo sie vor dem Höchsten Rechenschaft oblegen müsse üher das anvertraute Pfund.
Rein und wohlgekleivet ging sie mit den Kindern zur Kirche, sah Freunde bei sich, oder besuchte Verwandte und Bekannte. Am Abend las sie mit den Kindern biblische Geschichten und andere belehrende Bücher. Der Pfarrer zählte sie zu den würdigsten Gliedern seiner Ge- meinde, sprach oft bei ihr ein und stand ihr gern bei mit Rath und That. Als das Alter nahte und die Tage, von denen man sagt: sie gefallen mir nicht, sah sie ihre Kinder gerathen, versorgt und als Stütze der Mutter. Die beiden Mädchen halten bei angesehenen Leuten gedient? und sich wohl verhalten. Louise, das Kind ihrer Schwester, fand einen treuen Lebensgefährten an einem tüchtigen Handwerker. Heinrich, der älteste Sohn, hatte seiner Milttairpsticht genügt und führte die vergrößerte Wirthschaft der Mutter. Friedrich, ein stattlicher kecker Bursche, diente als Unterossicier bei der Garde: derKom- mandirende hatte ihn persönlich belobt. Als die Tochter Martha vaS Haus an der Hand eines braven Landmanns. verließ, da sprach die Wittwe: „jetzt kann ich in Frieden in meine Grube fahren" und nähte ihr Todtenhemd, welches sie selbst gesponnen hatte. Die sonst so lebendige Frau wurde stiller, sie ging umher wie Jemand, der Abschied nimmt von befreundeter Ställe und sich zur langen Reise vorbereitet. Man sah, wie sie Sonntags in der Kirche mit gläubigem Blick den goldenen Namen ihres Mannes auf der schwarzen Denktafel ins Auge faßte. Den letzten Winter nahm die Schwächlichkeit zu. AIs der Flachs wieder blühte, da wanderte Martha am Arme ihres Sohnes hinaus, um zum letzten Male die schöne Saat zu beschauen, auf deren Anbau sie einen großen Theil ihres arbeitsamen Lebens verwendet hatte.
In derselben Woche legte sie sich auf das kurze Krankenlager, und der Herr sandte seinen Engel, um die. Seele der Getreuen in die bessere Wohnung zu geleiten.
Ms die Kirchenglocke zum letzten Gange erscholl, da
gerieth das ganze Dorf in Bewegung. Die Spinnerinnen legten einen Kranz von blühendem Flachs auf den Sarg, der Graf und der Schulze traten in den Leichen- zug und Hunderte folgten andächtig der Entschlafenen, die in jedem Hause einen Freund, aber keinen Feind hatte.
Gerührt sprach der Pfarrer von der frommen und getreuen Magd, die das anvertraute Pfund so gewissenhaft verwaltet habe und jetzt eingehe zu ihres Herrn Freude. „Gehet hin und thut desgleichen!" war seine Ermahnung an die Umstehenden.
Das Andenken des Gerechten bleibt im Segen; dieser Spruch bewährte sich auch bei FlachS-Martha. Nicht nur in christlicher Tugend war sie dem Dorfe ein Beispiel, sondern es verdankte ihr auch einen Theil seines Wohlstandes; durch sie war der Flachsbau ungemein verbessert und gehoben worden, und keine Gemeinde der Nachbarschaft besaß schönere Gemüsegärten.
Gott sucht seine Werkzeuge nicht allein unter Hoch- gebornen, Gelehrten und Reichen, nein, sein Ruf ergeht auch an jene, die in niederer Hütte geboren sind und wirken. Deshalb, wie die selige Martha sagte: sei Jedermann treu auf seiner Stelle, denn es ist Niemand so gering, daß "ihm der Herr nicht ein Pfund zum Wohle jctner Mitmenschen anvertraut hätte.
Geben ist seliger denn nehmen!
Ein russifche- Arzt, ein russischer Gastwirth und eine russische Magd.
Es war nicht lange nach dem Jahr 1812, da war in Rußland eine Herrschaft, dem Auslande angehörig, durch mancherlei Leiden in die bitterste Noth und Armuth geraten. Schwach und kümmerlich war besonders der Mann und mußte doch daran denken, je eher je lieber mit seiner Familie von Moskau nach Petersburg zu kommen, von da sollte es weiter über die Grenzen Rußlands gehen. Als die Familie noch so in ihrer Noth rachschlägt, was wohl werden soll, da kommt eine alte russische Magd, die früher schon bei dieser Herrschaft gedient hatte, darüber zu und bietet aüs's neue ihre Dienste an. Sie hilft sogleich ihrer Herrschaft beim Einsteigen in einen Wagen, der nach Petersburg abgehen sollte, und setzt sich darauf