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Hcrsfclder Anzeiger.

Nr. SL. Hersfeld, den 28. März. 1855«

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Flachs-Martha.

(Fortsetzung.)

Bor allen Dingen zeichnete sich der Gesangunterricht in dieser Schule aus. Sonntags in cer Kirche sangen die Kinder, daß es eine Freude war, und Manches fröh­liche Liebchen hörte man wohltönenv in Feld und Flur bei der Arbeit. Die jungen Bursche sangen vierstimmig, und wo sie zum Regimente kamen, marfchirten sie im Längerkorps, und waren sicher dabei, brächte man dem Obersten oder General ein Ständchen. Die Liedertafel des Dorfes hatte schon zweimal einen Preis in der Stadt gewonnen und führte einen Kranz in ihrer Fahne.

Gott gab dem Menschen nicht allein hie'Stimme zum Reden, sonvcrn auch um durch Gesang sein Lob zu verkünden. Arm und Reich ist diese schöne Gabe ver­liehen, und es liegt häufig am Lehrer, wenn man an manchen Orten ein Singen vernimmt, als wenn Katzen und Maden um die Wette schreien.

Martha hatte große Achtung vor dem Lehrer und schärfte den Kindern bei jeder Gelegenheit ein, fleißig, gehorsam und dankbar zu sein. Ein für allemal bat sie den Lehrer, keine Entschuldigung anzunehmen, denn sie gestatte den Kindern Zeit zum Lernen, ermähne sie und ließe sie zur rechten Zeit zur Schule abgehen. Kam ein außerordentlicher Umstand, z. B. Krankheit ober Ernete- arbeit, dann benachrichtigte sie den Lehrer selbst Zum Biehhüten gab sie kein Kind her, da bleiben solche dumm und gerathen auf schlechte Einfälle; sie meinte, die Bau­ern möchten Zäune machen oder die Kühe anpflöcken. Es ist wahr, keine Sache schadet dem Schulbesuch mehr, als dieses Viehhüten; das im Winter Erlernte wird im Sommer und gerbst vergessen, auch geschieht manches Unglück dabei.

Wenn die Landleute ihre Weiden mit Hecken umgä­ben, so könnten sie cen Hirten sparen und hätten dabei den Vortheil, daß der Wind tue Fläche nicht so aus- trocknete unv den Gras- und Kleewuchs zurückbielte. Viel Stück Rindvieh und wenig Butter unv MUch ist die Folge solcher Wirthschaften.

Der Lehrer war auch ein Freund des Gartenbaues, Ünd namentlich der Öbstbaumzucht; eine hübsche Baum­schule hatte er "angelegt und empfing die Reiser der ebel-

,' sten Sorten von nah und fern. Bereits fingen durch ihn gezogene Bäume an zu tragen, und die Dorfleute

begriffen,' wo der Vorlh.I guter Sorten steckt.

Der Lehrer verstand sich ferner auf das Feldmessen und wußte einen guten Bauplan zu machen für Haus und Scheuern; da war er auch den Bauern in dieser Hinsicht ein sehr nützlicher Mann. Soll es gut stehen mit einer Gemeinde, so müssen Pfarrer und Lehrer Hand in Hand gehen und sich wechselseitig -unterstützen; das war auch hier der Fall, unv das gute Beispiel wirkte segenreich auf das ganze Dorf. Kein schlimmer Ding, als wenn Jeder der'erste Mann sein will: jeder Mensch sei auf seinem von Gott angewiesenen Platze, sagte Martha. '

Vor allen Dingen erklärte der Lehrer den Kindern die Worte des Herrn:Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, unv Gott, was Gotte ist." Wie ohne Ge­setz, ohne Ordnung und Obrigkeit, welche sie handhabt, fern Reich bestehen könne; da wo Keiner gehorchen und Jeder befehlen und meistern wolle, sei der babylonische Thurmbau unv Umsturz vor der Thüre. Unv zu seinem jüngeren Collegen, dem zuweilen die Zeitung und die Freiheit im Kopfe spukten, sagte er lächelnd: davon laßt uns reden, wenn jeder Knecht im Dorfe so viel gelernt hat, daß er Schulze sein könnte! .

Will man den Staat verbessern, dann hilft es nicht, in der Schenke auf den Stuhl zu steigen, ober von der Rathhaustreppe eine Rede zu halten, sondern man muß hübsch geduldig mit den zarten Kindern in der Schule anfangen und sie füx Gemeinssnn und Vaterlandsliebe empfänglich machen. Wer sein eigenes Beste nicht kennt, wird schwerlich über seinen Nachbarn die Vormund­schaft übernehmen können.Schuster bleib bei deinem Leisten!" ist ein köstiichcs Sprüchwort.

Kap. VI.

Weshalb die Wittwe Flachs-Martha hieß.

Martha verstand sich auf den Flachsbau besser, als irgend Jemand im Dorfe. Da ich nun die Geschichte dieser Frau nicht schreibe um die Zeit zu vertreiben, son­dern um zu belehren, so bitte ich Jung und Alt wohl aurzumerken, wie sie es machte, um1 die hübschen blanken