Hersfelder Anzeiger»
Ne. 2V. HerSfeld, den 10. März. 1855»
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Flachs-Martha.
K a p. I.
' ,, (Fortsetzung.)
Ging Martha aus, so frug sie einen Korb an der Hand; allein es war kein Ateckel darauf, damit Jedermann sehen feinte, was er enthielt. Fand sie ein Stück Holz, ein verlorenes Stück Torf, eine Flocke Wolle in der Hecke, oder Federn auf dem Anger, einen Knochen oder Lumpen, das svazierte Alles hinein; sie schämte sich helfen nicht, denn sie kannte die nützliche Verwendung. Jedes Ding muß seinen Platz haben. Das machten die Kinder nach, und wer einen ehrlichen Fund gethaii, der würde belobt. Mit dem Reisig kochte sie im Sommer, uno den Torf, die Wurzelcnoen und starken Holzstücke sparte sie für den Winter; das wurde aufgestapelt im Ltall, als-ob es ein Kohlenmeiler wäre; niemand bürste dran rühren. Die Knochen zerschlug sie in müßigen Llunden auf dem großen Steine mit dem Hammer und düngte ihr Flachsstück damit, der wuchs drei Fuß hoch und mußte gestützt werben, man hätte Spltzengarn daraus spinnen können. Alle halbe Jahr kam der Lumpensammler und holte ihren Vorrach, und es mnßte schlecht hergehen, wenn nicht eine neue Schürze oder Haube davon abfiel.
Fano sie einen Gänsekiel, so steckte sie solchen zum Harten in die heiße Asche und schabte ihn mit dem Brodmesser; damit konnten die Buben schreiben in der Schule, denn Martha gab ungern Geld aus. Hebst du alle Tage eine kleine Feder auf, sagte sie zur Tochter, so hast du erwachsen davon ein gutes Kopfkissen.' Die Knaben mußten wenigstens so viel Wolle liefern, daß sie ihnen für den Winter ein Paar Handschuhe daraus stricken konnte.
Schaut, lieben Leute, wie der kleine schwache Vogel sein Nest baut; mit unverdrossenem Fleiße trägt er Halme, Haare, Moos und Federn, die der liebe Gott ausgestrcut hat, zusammen, und feine arme Wohnung entsteht für ihn und seine Jungen.
. Um wie viel mehr soll der Mensch schaffen sönnen, Gott ihm Verstand- und Erkenntniß verliehen hat; waS Martha, die einsame Wittwe vermochte, werdet auch ihr fertig bringen können.
. „ Da heißt es immer: ein Mann, der ist stark und hekömmt höher» Lohn, aber was soll eine arme Frau
machen? Ihr Trägen am Geiste, ein Weib sieht in kleinen Dingen doppelt so viel als ein Mann, ist nüch, terner und wachsamer. Aus- dem Pfennig erwächst der Thaler; Haushalten ist der Frauen Kunst., Eine brave Frau kann int Nothfall einen schlechten Maün ernähren; allein der beste Arbeiter geht zu Grunde, wenn das Weib nichts taugt; daher kommt so viel Noth und Elend in die Welt; daß so viele Weiber ihre Kinder schlecht erziehen, bbi ihnen kein Ding an seinem Platze ist und sie mit Keifen den Mann ins Wirthshaus jagen. Giebt es ja Weiber genug, die nicht so viel Nähen und Strik- ken verstehen, um sich die eigenen Sachen in Ordnung zu halten. Geht Sonntags der Mann mit seiner Frau im Felde spazieren, oder beschauen sie die. Früchte im Garten, dann denke ich: die ist ein kluges, braves, frommes Weib; die versteht es, ihrem Ehegenossen das Leben leicht zu machen.
Genug davon; wir sind noch nicht fertig mit Frau Martha mit ihrem Korbe. An der Seite hatte sie die Sichel stecken. Die Brennessel, der wilde Hopfen, mancherlei Kraut und Gras, so an Hecken und Zäunen wächst, wanderte» mit nach Hause zum Stalle; allein auf fremden Feld bat der Flurschütz sie nie gesehen. „Ebrlich währt am längsten," daS Sprüchlein lehrte sie frühzeitig ihren Kindern.
eschecre, Fingerchut,- Zwirn und Nadel hatte Martha stets in der Tasche, denn ein kleiner Schaden ist bald geheilt; ist erst ein kleines Loch im Strumpfe, so guckt bald die ganze Ferse heraus! zu spät geflickt, sieht der Rock aus, wie eine geflickte Bettdecke!
Jeden Lappen' verwahrte sie sorgfältig, wie ein Schneider, damit Farbe zu Farbe käme und nicht der Ellenbogen grün, während der Aermel blau ist, Die. Frau wußte,' was sich schickte, und das fehlt vielen reichen Leuten, die oft Sammt und Seide tragen bei schmuz- ziger Wäsche.
Sprachen zwei Weiber im Dorfe zusammen, so hütete sie sich den Kopf darein zu stecken und mitzuwaschen, sondern ging vorsichtig ihrer Wege! Eine böses Weiber- zunge hetzt Land und Leute zusammen! Ihr müßt nicht Alles glauben, was die Leute sagen! Unschuld kommt oft erst spät an den Tag; also lehrte sie die Kinder. War dagegen ein Nachbar krank, oder ein Unglück, ein Todesfall im Hause, so war Martha da und durchwachte'treu die Nacht, ordnete, tröstete und trrg gern frendes Leid.