Hersfelder Anzeiger.
sr*. 1S. Her-feld, den 7. März. 1855.
Der „^ er 6 selb er Anzeiger« erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. — Preis desselben bei der Expe bitten (Neuwarlt No. 587) pro Quartal 7 S-r. 6 Hllr.; bei den Postanstalten kommt der übliche Postausschlag hinzu. — Anzeig b «0er Art werden ausgenommen und die Zeile oder deren Raum mit 8 Heller, bei Wiederholungen mit 6 Heller berechnet.
Seine Königliche Hoheit der Kurfürst haben allergnäbigst geruhet:
den Compagnie-Wundarzt Daniel vom ersten Infanterie- Regiment (Kurfürst) zum Assistenz-Arzte zu ernennen,
den bisherigen Kammerlakeien Rudolph Wiederhold pro- visorisch zu Allerböchst Ihrem Kammerdiener zu ernennen, und
den bisherigen Hoflakaien P. August Marchand nunmehr provisorisch zum zweiten Hosküchschreiber zu ernennen,
dem Hammerinspector Stamm auf dem Messinghof daS Prädicat „Ober-Hütteninspector" zu verleihen, sowie
den Fabrikinspector Wille zu Schwarzenfels und den Hgt- teninspector Pfort zu Veckerhagen zu Ober-Hütteninspectoren zu ernennen,
den Criminalgerichts-Assessor Friedrich Henning in Mar- bürg zum ordentlichen Assessor bei dem Stadtgerichte in Kassel »zu bestellen und
den Actuar Friedrich Lieberknecht vom Justizamte I. zu Hanau in gleicher Eigenschaft zum Justizamte in Steinbach-Hal- lenberg zu versehen,
den Metropolitan und lsten Pfarrer zu Reukirchey Dr. Hermann Sprank auf sein Nachsuchen zu emeritiren,
den Ober-Mikizinal-Direclor Dr. fernen,» von der Stelle als Vorstand der Direktion des Landkrankenhausls zu Caffel auf sein Nachsuchen zu entbinden, ,
dem Pfarrer Johann Heinrich Gamb zu Densberg die erledigte Psarrei Spicskappel in der Klasse Ziegenhain zu übertragen, den Assessor und ordentlichen Referenten bei der Regierung zu Caffel Carl Wilhelm Althaus in gleicher Eigenschaft zur Regierung in Marburg zu versehen.
Flachs-Martha
.Eine Erzählung für*# Volk.
K st p. I.
In der heutigen Welt schauen wir ein unvernünfti« Hes Drängen von unten nach oben, Jeder will der Erste sein, und wenn es so fort ginge, würde sie bald auf dem Kopfe stehen! Der Narr möchte gern den Weisen in die Schule nehmen, der Diener seinem Herrn befehlen und der Faule die Früchte des Fleißigen verzehren. Gott aber straft die Thoren durch ihren eigenen Unverstand, And seine Weltordnung werden die unzufriednen Schreier nicht brechen; eS wird nicht Friede sein im Lande, bis daS Volk den verständigen Sinn der geringen Frau erfaßt, deren Leben ich hier beschreiben will. -
»Jeder Mensch und jedes Ding muß auf seinem Platze sei«", Pflegte Frau Martha zu sagen. Sie lebte als Wittwe mit drei Kindern im stillen Dorf und mußte
sich redlich durchschlagen. Ein kleines Haus und Garten besaß sie gegen billige Miethe vom Grafen, und ihr Reichthum bestand in ihrer Hände Arbeit.
Aber merkt wohl auf: die Frau hatte keinen Neid, wenn sie des Grafen schloß sah, oder des Schulzen Frau in der Kirche. „Gott hat einem Zeven seinen Platz beschieden und wird Rechenschaft fordern von dem an- vertraulen Pfunde", dachte Frau Martha. „Wenn ich deS Grafen Volk regieren sollte, oder wie der Schulze mich alle Tage von den Leuten überlaufen lassen und meine Kinder nicht unter Augen haben könnte, so möchte ich nicht tauschen", sprach sie'zur Nachbarin, die zuweilen ein wenig scheel sah!
Ihr Mann war als Landwehrmann gefallen bei Ligny. Kam ein Soldat ins Haus, so blinkte wohl eine Thräne im Auge; allein sie sprach: „mein seliger Heinrich war an seinem Platze, er ist für König und Vaterland gestorben; in der Kirche können es die Kinder lesen, daß sie einen braven Vater hatten. Wenn eS Göttes gnädiger Wille ist, so werde ich ihn jenseits schon Wiedersehen, wenn die Knaben und das Mädchen A groß sind."
Martha war eilte fromme Frau, sie hatte in ihrer Jugend beim Pfarrer gedient und Gottes Wort war bei ihr nicht auf den Weg gefallen, sondern sie trug eS rinfälliglich im Herzen. Im kleinen Wandschrank stand daS Gesangbuch und die Bibel ihrer seligen Mutter und ihr eigener Katechismus, den sie von Jugend auf in Ehren gehalten hatte. Daneben tag der Todtenschein ihres Mannes und die Denkmünze, welche der Feldwebel heimgebracht hatte. DeS Predigers Worte: „vor Gott sind alle Menschen gleich', hatte sie als Christin verstanden, und begehrie nicht ihres Nächsten Gut. Sie war eine Lilie des Feldes, — allein sie arbeitete wacker und der Herr, dem sie anvertraute! ernährte sie in ausreichender Weise. „ ,
Martha war keine Betschwester, die die Augen fromm verdrehte und auf anderer Leute Mildthätigkeit rechnete. Nein, die Frau hatte verhungern können, bevor sie bettelte: Arbeit war ihre Stütze, Gebet der Trost, und die aufwachsenden Kinder ihre Freude; Jeder diene Gott an seiner Stelle!
Da giebt eS große Herren und Frauen in der Welt, die alles besser haben: „Herz was begehrst du?" heißt es, und ich frage: ist Einer glücklicher im Geiste, wie