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Hersfelder Anzeiger.

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Nv. SL. HerSfeld, den 29. November. 1854.

Der »Herr felder Anzeiger« erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. Preis desselben bei der Exp». kition (Nemrarkt No. 587) pro Quartal 7 S-r. 6 Hllr.; bei den Pöstanstalten kommt der übliche Postaufschlag hinzu. Anzeigen «ller Art wcr»en ausgenommen und die Zeile oder deren Raum mit 8 Heller, bet Wiederholungen mit 6 Heller berechnet.

Rückblick übe» die orientalische Frage.

(AuS dem Volksblatt für Stadt und Land).

, (Fortsetzung.)

Betrachten wir tie Sache so einfach als möglich. Schon an die Namen der kriegssührcnven Mächte (um vom äußerlichsten anzufangen) knüpft sich unwiderstehlich eine bestimmte Parteiung. Mag man noch so viel sa­gen: »Rußlands Politik hat keine Principien, sie folgt nur Interessen" »Rußland gerade ist das Movel der unhistorischen modernen Omnipotenz und Bureaukratie" u s. w. es sind das sebr schöne llterarische Reden; aber Thatsache, handgreifliche und berggroße Thatsache ist es, daß kein Staat in dem Maaße den Haß von allem was Liberalsimus und Ravicalismus heißt, von den Ministercabinellen bis zu den Bierkneipen, auf sich trägt als Rußland. Alles, was sich zu der modernen Lehre der Selbstgenügsamkeit des Menschengeistes bekennt oder von ihr unwissentlich beherrscht ist von der ro- senrothensten Nüance an bis zu der blutroihen, ist in diesem Hasse eins. Und gewiß werden sie wissen warum. Es ist wahr, daß Rußland auf seiner Oberfläche eine Tinctur trägt von der Staatsweise des 18. Jahr­hunderts, in welches seine ganze neuere Entwicklung ge­fallen ist; aber es trägt unter dieser Oberfläche die tief­sten Züge, die es zum vorzüglichen Gegenstände jenes Hasses gualificiren. Rußland ist erstens noch in dem Maaße in Grundlagen seiner öffentlichen Zustände vom einfältigen Glauben durchdrungen und getragen wie kein anderer Staat. Rußland, ist zweitens eben in Folge dessen, in dem Maaße wie kein anderer, patriarcha­lischer Staat; cer Staat, in dem vor allen andern noch (trotz jenem starken Anfluge des 18. Jahrhunderts) die lebendige, persönliche und ursprüngliche Art des Ver­hältnisses. von Obrigkeit und Unterthanen, als eines Vaters und seiner Kinder, von den niederen Stufen herauf bis zur höchsten sich erhalten hat. Wir wissen wohl, daß wir damit keine Verständigung mit unseren Gegnern erzielen werden, eS ist die Signatur dieser bis aufs Mark gespaltenen Zeit, daß der eine segnet, wo der andere flucht. Was wir Glauben nennen, heißt ihnen Stumpfsinn; was wir patriarchalisches Verhältniß nennen, heißt ihnen Sklaverei; was wir Zucht, edlen Gehorsam, Entäußerung des selbstischen Eigenwillens

dienende Gliedschakt nennen, darin erblicken sie Hochver- rath an-der Selbstherrlichkeit des souveränen Menschen- ' geistes. Es bedarf des Vorwortes nicht, daß auch wir an höhere, frW.ch bewußtere Weisen aller jener Tugen­den ßlauB^rt;-^ das gegenwärtige Rußland sie darbie« tet; aber genug, es sind ihre wesentlichen Züge und Keime dort, welche dem ganzenGenius des 19.' Jahr­hunderts" ein Dorrn im Auge sind und deren verwege­nes Fortbestehen er äußerst strafbar findet. Es sind endlich drittens in Rußland Grundlagen gesellschaftlicher Verhältnisse von solcher Ursprünglichkcit/ daß erst neulich ein Schüler Proudhons - Alexander Herzen, ein gebo­rener Russe, der also russische Verhältnisse kennt den Keim des socialistischen Ideals in der russischen Landgemeinde entdeckt hat. Vor allem aber steht in der Person des jetzigen Kaisers, der die Bahn seiner Vorgänger verlassend die alte russische Eigenthümlichkeit pflegt und schützt, das Bild eines Fürsten in Lebens­größe da, welches den gerechten Zorn jedermanns er­regt, der nur einige Tropfen Revolution in den Adern hat. Er steht in der allgemeinen Meinung da auch als die Klippe, an welcher sich die jüngste Brandung der wilden wie der zahmen Revolution gebrochen hat. Seit­dem ist ihm Rache geschworen. Man möge uns glauben, daß wir weder in Rußland, noch in seinem Kaiser ein Jde^l sehen; aber es galt hier die Eigenlhümlichkert der Stellung beider der Welt des aufgeklärten Libera­lismus gegenüber zu, bezeichnen.

Dem gegenüber in erster Linie erblicken wir die »osmanische Pforte" ein Gebäude, das seiner anti- christischen Natur gemäß nichts anders als den reinen Ausdruck der Menschenwillkür darstellt, welche das ver­borgene'Ideal des abgefallenen Zeitgeistes ist. Eine demokratische Despotie - das von ihrem ersten Ursprünge an der Charakter dieses Reiches gewesen; das ist es, was schon im 16- Jahrhundert, wie wir sahen, die Tür- kenherrschafi zum Ziel, der Sehnsucht zuchtloser Geister machte; dasselbe, was sich heule, besonders, seit man sie mit einigen freisinnigen Phrasen verbrämen kann und sich dadurch der Lchaam überleben fühlt, zum Schooß- kinde unserer ausgeklärlen Mitwelt macht, wozu die Re­formtürken jedenfalls noch um einen vollen Grad guali- ficirter sind als das bisherige Schooßkind, die Reform- juden. Dem unbefangenen Beobachter der Oberfläche