Hersfeldcr Anzeiger.
Akv. 90. HerSfeld, den 11. November. 1854.
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setzen würde) — alle, auch die geringeren Versuche arbeiten darauf hin, weil sie die Fundamente der Türkenherrschaft lockern: den gespannten Fanatismus und den wüsten Schrecken. Die an den Endpunkten ringsum entstandenen ganz oder halb befreiten kleinen Staaten, Griechenland, Montenegro, Serbien, die Donaufürsten» thümer, tragen andererseits dazu bei, die noch im Joche schmachtenden Völker zu ermutbigen und ein wcstmächt- lich unterdrückter Ausstandsversuch mehr kann an der Sache nichts ändern.
Alle einsichtigen Menschen —auch die irgend einsichtigen unter denen, die es für gut halten, mit Phrasen von der Erhaltung der Türkei zu debüliren — sind von der vollständigen Unhaltbarkeit der Türkenherr- schaft im Grunde überzeugt. Und nur die Schwierigkeit der Frage: Was soll weiter werden? Hat trotzdem in der langen Friedens- und Industrie-Epoche, die hinter uns liegt, diese „Erhaltung der Türkei" zu einer Art von allgemeinem Axiom der europäischen Regierungen gemacht. Man hat seit 1848 viel von einem „Fanatismus der Rube" gesprochen, der sich conscrvativ nennt, während er alle wirklich conservativen Pflichten hintenan- setzt. Ein solcher „Fanatismus der Ruhe" im großen ist es, der in Beziehung auf die Türkei die Regierungen beherrschte und selbst noch auf die Conferenzen von 1853 und 54 die Phrase von der „Integrität der Türkei" als eine schwächliche Herbstzeitlose gebracht hat. Auch Rußland hat mit dieser Schwäche der übrigen bis jetzt völlig übereingestimmt. Der einzige Unterschied war nur, daß es — unter seinem jetzigen Kaiser — nicht über das nothwendige Bevor stehen der Frage, wenn man auch damit einverstanden war, sie so lange als möglich hinauszuschieben — sich in absichtlicher Blindheit erhalten konnte; waörcnd die Devise der anderen in tiefer Beziehung zu sein schien: Apres nous le deluge — oder mit dem Propheten (Jet. 22, 13) zu sprechen: „Lasset uns essen und trinken, wir sterben doch morgen."
Bei der Frage: Was soll weiter werden? sehen wir von dem türkischen Antheil der Bevölkerung ganz ab. Er ist culturunfähig und zukunftslos, dem Untergänge' verfallen, und kann höchstens als ein Hemmniß künftiger Entwicklungen, in Betracht kommen. Wenn wir von der „Vertreibung der Türken aus Europa" als einer nie aufgehörten gebotenen Pflicht der christlichen Mächte
Rückblick über die orientalische Frage.
(Au« dem Volksblatt für Stadt und Land).
3. Die Zukunft der jetzt türkischen Länder in Europa.
Es ist kein Geheimniß, sondern es steht seit weni- stens einem halben Jahrhundert in jedem Buche zu lesen, das diesen Gegenstand berührt: »daß die Türkei nur noch durch dir Eifersucht der christlichen Mächte unter einander besteht." Jedenfalls ein sehr wandelbares Fundament. Wenn es aber auch nicht — sei es von dem erwachenden Bewußtsein ihrer Pflicht, sei es von einer Ueberrumpelung des Eigennutzes — über kurz oder lang über den Haufen geworfen würde, so trägt doch die Türkenherrschaft ihren Todeskeim in sich selbst. Wir lassen den asiatischen Theil außer Betracht, in welchem die ursprünglichen christlichen Bevölkerungen bis auf kleinere Reste von der Wuth des Islam wirklich ausgerottet sind und die Türkenherrschaft also, wenn kein äußerer Anstoß erfolgt, langsam in sich fort faulen könnte. Aber in den europäischen Provinzen bestehen jene Bevölkerungen fort, und haben ein jahrhundertelanges Märtyrerthum überdauert; nur in Bosnien und Albanien ist es der Verfolgung und Verlockung gelungen, erheblichere Theile von ihnen in den Pfuhl des Islam herüberzuziehen. Auch mit diesen bildet das in den Städten campirenve Heerlager des Türken nur eine kleine Minderzahl, und selbst unter den nichtswürdigsten Aussaugungen nnd Veratio- uen nehmen die Unterdrückten — unter dem Schirm einer Kirche, von deren Tode man noch so viel sagen mag -^ an Zahl, an Betriebsamkeit und an Kraft von Jahr zu Jahr zu, während die Unterdrücker in allen diesen Beziehungen zurückgehen. ES sind — wie dies öfter ausgesprochen ist — zwei über und in einander auf z einem und demselben Raume gelagerte Staaten, nur daß dem beherrschten der einige Mittelpunkt fehlt, der ihn sofort dem Herrschenden überlegen machen mußte. Jede Entwicklung der sog. Türkei kann unter diesen Umständen nur zu ihrer Sprengung führen. Die türkischen Reform-Erperimente (selbst ohne zu dem neuesten west- mächtlichen Phrasen-Unsinn einer allgemeinen Religionsfreiheit, und einer Theilnahme der Christen an Bewaffnung und Beamtung forizuschreitcn, der eben nur Phrase bleiben kann, weil er die Explosion sogleich ins Werk