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Hersfelder Anzeiger.

Np. 8S. HerSfeld, den 8. November. 1854.

Der »Her-felder Anzeiger« erscheint wöchentlich zweimal, Mittwoch- und Sonnabends. Preis desselben bei der Expe- Nisten (Negw rft No. 587) pro Quartal 7 Sgr. 6 Hkr.; bei den Postanstalten kommt der übliche Postausschlag hinzu. Anzeigen «Utr Ar ,4ftn ausgenommen und die Zeile odcr deren Raum mit 8 Heller, bei Wiederholungen mit 6 Heller berechnet.

Rückblick über die orientalische Frage.

(Aus dem Volksblatt für Stadt und Land).

2. Rußland und die Türkei.

Die Pflicht, deren man sich im 17. Jahrhundert noch bewußt war, die Türken aus Europa zu vertreiben (wenn auck einzelne Länder, insbesondere Frankreich schon im 16ten das christliche Bewußtsein durch dje Schaamlosigkeit einer türkischen Allianz durchbrochen hätten) wurde von der Cabinelspolitik und der Aufklär­ung des 18ten ganz verdunkelt. Oesterreich insbeson­dere, das der eigentliche Vorkämpfer gegen sie gewesen war, gab diesen Beruf gänzlich aus, als Die Noth nicht mehr dazu drang ja es ist schmählich zu sagen, daß es bei den Selbstversuchen der christlichen Nachbarvölker, das Türkenjoch zu brechen, gegen sie Partei ergriff. Das Gefängniß von Munkatsch ist der Zeuge dieser conservniven" Politik, deren Ausgang 1848 jvar. Rußland war das einzige Land, das «chrilt vor Schritt fortfuhr, die Dürkenmacht zu brechen, Landstriche ihr aus den Ksauen zu reißen, anderen (wie in neuerer^Zeit der Wallachei, Moldau, Serbien) wenigstens seinen Schutz . zu sichern, unter denen sie zu einer neuen, gedeihlicheren Entwickelung sich erhoben. Wollen wir den Regieren­den des vorigen Jahrhunderts auch nicht die tiefsten Beweggründe dabei unterlegen immer bleibt es die Erfüllung eines Berufes von Gott, da4 (wenn nicht grundsätzliche, so doch praktische) Ergreisen einer welt­geschichtlichen Situation und dem alten tiefwirkenden Verhältnisse der kirchlichen Verwandtschaft kann man die Mitwirkung auch nicht absprechen, selbst wenn die irdi­schen Lenker der Zügel es nur als Voruriheil benutzt hätten. Der Schutz der griechischen Kirche in der Tür­kei ward ein Gegenstand cer Frievensverlräge, und nie­mand hat daran gezweifelt, daß hier ein erworbenes Recht Rußlands bestehe, bis es die Zweckmäßigkeit erforderte, es ssibtzlich im J. 1854 abzuleugnen, nachdem die Diplo­matie sämmtlicher Großmächte das Jahr zuvor aus­drücklich anerkannt hatte. Auch der griechische Befrei­ungskrieg .verdankte seinen endlichen Ausgang (neben dem christlichen Königthume von Frankreich, das nicht mehr eriftirt) Rußland allein nur nolhgcdrungcn und wi­derwillig trat England als drittes ein, mir sich nicht _,us geschlossen zu sehen; es hätte sonst geradezu feint»

liche Partei ergreiffen müssen und das verhol seiner par­lamentarischen Regierung die zu stark gewordene «öffent­liche Meinung.'^ So trat es mir ein, um dafür zu sorgen, daß das junge Königreich möglichst knapp zu- geschnitten und möglichst lebensunfähig gemacht würde. Außer der Anerkennung Griechenlands war eine Beving- uug des Friedens von Adrianopol die Sicherung eines rechtlichen Zustandes in-Serbien, die schon 1812 und 1826 zwischen Rußland und der Türkei stipulirt, gber seitens der letzteren, wie gewöhnlich für nichts geachtet war. Man braucht noch nicht sehr all zu fe'iu, um .sich zn erinnern, wie damals nufere Zeitungen und unser Publtcum, dieselben Zeitungen und dasselbe Pübli- cum, die sich heute für die Türken begeistern und den Czaren" nicht schwarz genug anstreichen können, in Prosa und Versen dem Kaiser Nicolaus als desTür- kcnvolkö Bcsieger" (Nikolaoö heißt auf griechisch Vokks- sieger) zujauchzien. Wir erwähnen dies nur beiläufig, falls es noch eines Beweises für die Unzurechnungsfähig­keit jener Zeitungen und dieses Publikums bedürfen sollte was freilich längst nicht mehr der Fall-ist.

Wie aber die Regierung Kaiser Nikolaus von An­fang an in Beziehung der mit den (einigen stamm- und glaubenöverwandten Völker eine stetige, ihren Pflichten entsprechende und wirklich von nationalem und kirchlichem Bewußtsein geleitete Poiitik befolgte, so hat sie sich seit dem Frieden von Adrianopel auch als aufrichtigen Freund- . Nachbar der sog. Pforte gezeigt. Wir brauchen nicht hinzuzusetzen, daß dies in unserm Munde 'gerade kein Lob ist. Es muß aber zweierlei dabei berücksichtigt wer­den. Hatte einmal der Kaiser vor den Thoren von Kon- stanlinopel jenen Frieden wieder geschlossen (uno wenn er nicht ganz Europa schon damals in einen allgemeinen Krieg versetzen wollte, so muß de er ihn leider schließen):^ so war es auch ehrlich ihn zu halten, so lange der Türke seinerseits aus Noth und Furcht ihn hielt, und so war es verhältnißmäßig das beste, die Türkei unter einem wenigstens schädlichere Entwickelungen und Ausbrüche möglichst verhinvernten Einflüsse zu halten. Daß der Kaiser die Türkei aber selbst mit den Waffen gegen die egyptische Invasion schützte, läßt sich ebenfalls in die­ser Art entschuldigen. Ein egyptisches Regiment war jedenfalls um kein Haar besser als ein anderes türkisches; durch eine energischere Persönlichkeit des Regenten und