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Hersfelder Anzeiger.

NV* 88. HerSfel>, den 28. October. 1854.

Der »HerSfelder Anzeiger« erscheint wöchentlich zweimal, Mittwoch- und Sonnabend». Preis desselben bei der Txpe. dition (Neumarkt No. 587) pro Quartal 7 S,r. 6 Hür.; bei den Postanstalten kommt der übliche Postausschlag hinzu. Anzeigen aller Art werden ausgenommen und die Zeile oder deren Raum mit 8 Heller, bei Wiederholungen mit 6 Heller berechnet.

Der Mensch denkt Gott lenkt:

Am 20. September, rechnete Marschall St. Arnaud vor einigen Wochen, in Sebastopol einzuziehen: Marschall St. Arnaud liegt unter der Erde und Scbastopol steht noch in Gottes Hand.

Möglich ja, daß es fällt, daß der europäische Krieg dadurch um einige Jahre verlängert, daß vaS Gericht über das Türkenreich dadurch um eine gute Zeit hinaus­gerückt wird. Vielleicht haben unsere Leser, wenn sie dies zu lesen bekommen, bereits die Entscheivung in Hän­den. Eben so möglich freilich, daß von den auf der Krim gelandeten Türken und Türkenbrüder» keine Maus wieder ans jenseitige Ufer gelangt. Der Mensch denkt Gott lenkt. Wer dies inne ist, der ist so glücklich, sich um die Erfolge nicht bekümmern zu müssen, und wo das Recht ist,'wissen wir.

Auch an der Donau denkt man jetzt allerhand, und die neueste Zeit hat manche Herzensgevanken offenbar ge­macht. Das 19. Jahrhundert muß doch auch etwas Neues bringen: eine Schamlosigkeit, wie sie die Diploma­ten eines gewissen großen Landes ganz gemüthlich ent­wickeln, dürfte in früheren Jahrhunderten wenig ihres Gleichen finden.

Man erkennt erst Rußlands Recht an und man empfiehlt ihm doch sodringend," wie irgend ein auf Taschenpistolen gut eingeübter Virauchbewohner, es her- auszugeben. Man liebt außerordentlich den Frieden und möchte doch bei den Anstrengungen, die man für Erhal­tung des Friedens macht, nicht ungern einige Fürsten- thümer einsacken. Man ist der Protektor Deutschlands, und wenn es nicht für seinen Lord Protector mobil macht, läßt man ihm in den Zeitungen mit Hereinru- fung der Franzosen und Ausverkauf im Einzelnen an den Meistbietenden drohen. Man schreibt sichBundes, freund" mit einem Nachbarn, der einem freilich erst vor 5 Jahren das Leben gerettet hat, und ist so pressirt, diesem Bundcöfrcunde die Haut über die Ohren ziehen zu sehen, daß man die Gelegenheit des ersten besten Tartarenmärchens ergreift, um dieherzlichsten Glück­wünsche" an seine Feinde zu telegraphiern. Und nicht ohne berechtigtes Selbstgefühl; denn wenn Scbastopol fiel, so hatten es die Türken und Türkenbrüder roch niemand zu danken als Oesterreich, ohne dessen

Rückendeckung auf dem bisherigen Kriegsschauplatze sie niemals an diese Invasion hätten denken können.

Oesterreich macht das Vordringen Rußlands in - Feindesland zum Kriegsfall der Kaiser von Rußland hemmt den Siegeslauf seiner Heere; er räumt selbst das Gebiet, dessen Schutzherrschaft ihm zusteht. Oesterreich stellt seine Heere zwischen die Kämpsenven, deckt die Tür­ken und Türkenbrüder, macht ihre Truppen für eine In­vasion an einer leicht verwundbaren Stelle seinesBun- desfreundes" verwendbar. Jetzt fordert Preußen, daß Oesterreich wenigstens deren Nachrücken zwischen sei­nen Colonnen Hindurch keinesfalls dulden solle. Eine Note antwortet: Dafür könne mankeine Bürgschaft übernehmen." ,

Es kann kein Zweifel daran sein, daß Rußland sich im öffnen Kriege mit einem solchenFreunde" besser befände als bei einer Freundschaft, die jenen improvisir- ten Umarmungen, bei denen einem Uhr und Börse aus der Tasche gezogen wird, nur allzu ähnlich sieht.

Oesterreich ist geliefert: das böse Gewissen läßt es nicht auf halbem Wege wiever umkehren. Und die Feig­heit allein ist es, die es von einer ehrlichen Kriegserklä­rung abhält. Wenn der Kaiser von Rußland seinerseits mit einer solchen zögert, so kann er eigentlich nur zwei Gründe dazu haben: seine Kräfte erst noch vollständiger zu sammeln und Preußen Zeit zu lassen, um sich auf die Situation zu besinnen und sich von einem Arm-in- Arm zu befreien, zu dem es leider in seiner Gut- Müthigkeit gekommen ist, es weiß nicht wie.

So wemig von den Dornen Feigen zu lesen, so we­nig sind mit dem Oesterreich des Ritters von Bach Alli­anzen zu schließen. Wir wünschten, man hätte dies zei­tig bei uns erkannt. Wir wünschten, nachdem man es nicht mehr v erkennen kann, man suchte sich nicht allmäh- lig, sondern mit einem kräftigen Entschluß von dem Bunde mit der Untreue loszumacben. Selbst um den Bürger­krieg, mit dem die Frivolität der österreichisch gesinnten Zeitungen droht, wäre ein Entschluß nicht zu theuer, an dem die Ehre des deutschen und des preußischen Namens hängt.. Und wie das ehrlichste, so wäre er auch das sicherste Theil. Dey Krug gebt so lange zu Wasser bis erbricht.

Das sind so unsere Gedanken. Gott aber wird ja lenken! So das Vlksbl. f. St. u. L-