Hersfelder Anzeiger.
Mp. 60* HerSfeld, den 29. Juli. 18S4.
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Hülfsmittel zur Beurtheilung der Russischen Frage.
Ein ungenannter Publicist, von seinem Collegen als »kundigste Hand" bezeichnet, hat neuerlich'Hülfsmittel zur Beurtheilung der Russischen Frage geliefert, aus denen dem Leser eine Blumenlesc nicht vorenthalten werden soll. Sonderbarer Weise darf bei mehrer.en Punkten, welche richtig sind, ein so verachtetes Blatt, wie das unsre, die Priorität in Anspruch nehmen.
1) Deutschland, mit Einschluß von Preußen und Oesterreich kann binnen vier Wochen 150;000, binnen zwei Monaten 400,000 Mann zwischen Posen und Krakau vereinigen, Rußland in derselben Zeit 80,000 beziehungsweise 120,000. — Die genaue Richtigkeit der Zahlen mag auf sich beruhen, im Ganzen und Großen verhält sich die Sache so, und wir selber haben vorlängft mit dürren Worten ausgesprochen, daß Deutschland vereinigt einem Angriffe Rußlands in alle Wege gewachsen sei. Daraus möchte schließlich hervorgehen, daß die Russenfurchl der freisinnigen Tagespreise Einfalt oder Heuchelei ist.
2) Der Bundestag hat das Contingent im Kriege auf anderthalb Procent der Bevölkerung festgestellh, ohne die Reserve. — Unseres Wissens beträgt das Bundes- Heer nach der am 10. März 1853 beschlossenen Berührung 353,493 Mann, mithin wenig über | Procent der gegenwärtigen Bevölkerung.
3) Die Bürgerwehr Berlins betrug 1848 bei Paraden 5 Procent der Bevölkerung, von denen jedoch in der Regel nur ^ bis f ausrückte und dennoch klagten die Frauen über große Leere, wenn die Männer bis lief in die Nacht wegblicben. — Fast schalkhaft, was hat fedoch die schmerzliche Leere bei den Berliner Bür- gerwehr-Epousen mit der Russischen Frage zu schaffen?
- Dreimal hunderttausend Preußen in drei Wochen schlagfertig aufzustellen, wie man bisweilen behaupten hört, ist nach unterem Dafürhalten-unmöglich. ES würde sogar Lchwicrigkeiten haben, innerhalb sieben Wochen die rheinischen Festungen zu bemannen, und außerdem eine Armee von 80,000 Mann etwa bei Cöln vereinigt zu haben. Eben so schwer ließen sich in sieben Wochen die Preußischen Festungen und Posen vollständig besetzen, und außerdem 120,000 Mann in Schlesien und an der
Weichsel aufstellön. — Unrichtig, besonders in den zwei letzten Behauptungen; die »kundigste Hand" widerspricht sich theilwcis selbst, wie aus einer Vergleichung mit 1 Hervorgeht.
5) Mit beträchtlichem Wortaufwand wird bewiesen, daß am Schlüsse des Felozuges von 1812 die Russen ohne Jorks Convention, Den Riemen nicht hätten überschreiten können. iLo wahr als schön, aber durchaus nicht neu, indem sogar die verrufene Kreuzzeitung dasselbe ausgesprochen hat.
6) Eine entsetzliche Konfusion — die gewöhnliche Begleiterin des selbstzufrieden Halb- oder Viertelwissens — herrscht in den Angaben über die Begebenheiten des JahreS 1805. Wir wollen das wahre Sachverhältniß in gedrängter Kürze barlegen. Nur Die Halbschiev der 180,000 Mann, welche Kaiser Alexander stellte, war zur unmittelbaren Verstärkung der Ocsterreicher bestimmt, und man halte in den Wiener Militair-Conferenzen fest- gestellt, daß sie 64 Tage nach ihrem Aufbruch am Jnn eintreffen werde. Davon standen 46,000 Mann an der Grenze von Galizien, Die sie am 22. August zu überschreiten begannen; der Marsch des Fußvolks ward dergestalt beschleunigt, daß eS zwischen dem 11. und 19. October, also viel früher, bei Braunau anlangte, als berechnet war. Gleichzeitig mit diesem Heertheil setzten sich die Garden von Petersburg aus in Bewegung und nahmen .später an der Schlacht von Austerlitz Theil. Wenn der Aufbruch überhaupt etwas verspätet erscheint, so muß man berücksichtigen, daß Oesterreich erst am 9. August Der Coalition förmlich beigetreten war. — Andere 79,000 Mann standen im Spätsommer theils bei Grovno, ' theils bei Brezst Litowsk, und von ihnen haben allerdings nur 27,000 das Schlachtfeld von Austerlitz erreicht. Dieses lag aber lediglich an Der Marotte des Kaiser Alexander, daß sie durch das Preußische Gebiet marschi- ren und nöthigenfalls sich mit Gewalt Den Weg eröffnen sollten, was zu langen Unterhandlungen führte.
Hieraus geht wohl mit hinlänglicher Deutlichkeit hervor, wie Die eigenthümlichen Verhältnisse Rußlands nicht gehindert haben wurden, eine zahlreiche Armee rechtzeitig an Den Jnn zu bringen. — Darauf aber kommt es hier eben an. — Der „unglückliche Freund" hatte Die October - Niederlage durchaus und einzig selbst verschuldet. Wenn man -Buonaparte gegenüber mit un-