HerZfcldcr Anzeiger.
Mp. SS. HerSfeld, den 1. Juli. ' 1854»
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MttS -er Perspektive.
Obgleich die Ereignisse vor Silistria in ihren Einzelnheiten noch nicht'keütlich zu Überseen sind, so er- giebt sich doch so viel, daß der Erfolg den Russen keineswegs günstig gewesen. Was davon etwa auf Rechnung ihrer Maaßregeln kommt, ist uns natürlich unbekannt, während Die altbekannte Tüchtigkeit der Osmanli'S in der Vertheidigung sich wiederum glänzend bewährte. Beinah stets sehr tapfer, leiden sie hinter Wall und Graben weniger durch den Mangel au taktischer Ausbildung und Disciplin, der ihnen btim Zusammentreffen mit" einem Europäischen Heere im freien Felde so oft verhängnißvoll geworden ist.
Gegen die Meinung "mehr als eines unterrichteten Gleichgesinnten haben wir auf die Eroberung von Silistria immer nur negativen Werth gelegt. Dem wohlfeilen Spaße, an die sauern Trauben zu erinnern, ist vorgebeugt, indem wir vor einiger Zeit, als die Ca- pitulation des Platzes nahe schien, ausdrücklich sagten: dadurch könne der Feldzug doch kein größeres Leben gewinnen. Immer auss Neue muß man nämlich darauf Hinweisen, daß ein Vordringen des Russischen , Heeres über den Balkan ziemlich in das Gebiet des Unmöglichen gehört, so lange sie das Schwarze Meer nicht beherrschen, also auf den Nachschub zu Lande beschränkt sind. 7
Dem nur negativen Vortheil der Ueberwältigung Silistria's steht jedoch daS Aufgeben des Angriffs als positiver Nachtheil gegenüber, schon der sittlichen Eindrücke wegen, die vas Ereigniß nach zwei verschiedenen Seiten Hin machen wird. Unter diesen Umständen könnte dem Russischen Heerführer nichts erwünschter kommen, als daß Omer Pascha von Schumla, die Englisch- Französischen Truppen von Larna aus endlich her- anrückten. Eine allgemeine Schlacht ist dann unvermeidlich, und wenn frühere Erfahrungen den Fürsten Gort- schakoff von dem Zersplitterungs-Äystem gründlich zurückgebracht haben, besitzt er mehr Chancen 'des Sieges als die Gegner. Aber auch ihre vollständigste Niederlage würde 'kaum ein weiteres Vordringen ves Russischen Heeres herbeiführen. — Also ein ganz unfruchtbarer Sieg? — Durchaus nicht, wenn man die gesammte
Kriegslage ins Auge faßt, für welchen Zweck wir nach rückwärts blicken müssen.
Bekanntlich hat vas Wiener Cabinet in angemessenen und sehr freundlichen Formen dem Kaiser Nicolaus nochmals die Nothwendigkeit, vorgestellt, daß er die Donau- Fürstenlhümer räumen lasse. Ferner ist thelegraphischer Nachricht gemäß am Abend des 14. Juni zu 'Konstantinopel der Vertrag mit der Pforte unterzeichnet worden, kraft dessen Oesterreichtsche Truppen eventuell, das heißt wohl baldmöglichst, die Fürstenthümer besetzen sollen. In dieser Behandlung der Angelegenheit dürfte ein vollständiges Programm der höchst gemäßigten Theilnahme Oesterreichs am Kriege liegen, und deshalb hat die Nachricht große Wahrscheinlichkeit für sich. —Wie die Petersburger Antwort auf-das Ansinnen lauten wird, steht freilich dahin. In Rußlands eigenem, wie im Interesse Deutschlands muß man wünschen, daß sie eingehend sei selbstverständlich unter Bedingungen, die der Ehre deS mächtigen StaateS entsprechen, Solchen Falles könnte der Rest des Sommers leicht mit Unterhandlungen verlaufen. Lautet die Entgegnung aber schlechthin ab, lehnend, so bleibt jetzt dem Oesterreichischen Cabinet nichts .übrig, als das in Siebenbürgen versammelte Heer die Grenze überschreiten zu lassen.
Mögen nur die von Rußland Bestochenen sich nicht der trügerischen Hoffnung hingeben, daß eine Niederlage der Verbündeten jenseit der Donau diesen Vormarsch aufhalten werde. Dergleichen war im siebenjährigen Kriege nicht eben ungewöhnlich, ist aber heut beinahe undenkbar. Dennoch' leistet dann der erfochtene Sieg dem Russischen Heerführer einen reellen Dienst: er kamn anständiger Weise mit dem Oesterreichischen — wohlverstanden mit diesem allein — unterhandeln, und fein freiwilliger Rückmarsch nach Bessarabien beeinträchtigt die Wa'ffenehre nicht. Freiwillig muß die Bewegung genannt werden, weil außer der eigentlichen Operations- Armee noch, beträchtliche Truppenmassen in der Moldau stehen und beide vereinigt den Oesterreichern wohl entgegen treten könnten. Warum aber die Flammen eines gar nicht beabsichtigten Krieges über alles Maaß hinaus verbreiten? —
Damit wäre vermuthlich das thätige Eingreifen Deutscher Seits, wenigstens nach einer Richtung hin, beendigt. Ob der Anführer des Türkisch-Franzö-