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Her«selber Anzeiger.

sre. 4«. HerSfeld, den 10. Juni. 1854.

Der »HerSselber Anzeiger« erscheint wöchentlich zweimal, Mittwochs und Sonnabends. Preis desselben bei der Expe- dition (Neumarkt No. 587) pro Quartal 7 Sgr. 6 Hllr.; bei den Possanstaltcu kommt der übliche Postausschlag hinzu. Anzeige» «Der Art werden ausgenommen und die Zeile »der deren Raum mit 8 Heller, bei Wiederholungen mit 6 Heller berechnet.

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Druck - Phantasiern.

Es ist uns nichts Neues, Laß wir über den Druck klagen hören, den Rußland auf Deuischland und in Deutschland ausüben soll- Klagen über denRussischen Einfluss" waren schon in den ersten Jahren nach dem Befreiungskriege das beliebte Thema des revolutio­nären Liberalismus, der auf geschickte Weise die deutschthümlichen Bestrebungen jener Periode seinen Zwek- ken dienstbar zu machen wusste. Damals war zwar das Gefühl der eigenen Kraft, die sich eben erst in siegreichem Kampfe bewährt hatte, noch zu lebendig, als daß man so leicht darauf hätte fallen können, Rußland ein gefahr- drohenvesUebergewichi" zuzuschreiben. Dagegen bc- schuldigte man die Deutschen Füisten, daß sie sich durch Russische Ranke umgarnen ließen, und gleichzeitig witterte man Russische Spions, tie_ damit beauftragt sein sollten, staalsgcfährliche Geheimnisse wir wüßten nicht, welche bei den Deutschen Patrioten auszukundschaften, um sie an den Kaiter von Rußland zu verrathen. Der an einem wehrlosen Greise verübte Meuchelmord, der ein unverlöschliches Brandmal auf den Deutlichen Namen ge­drückt hat, war die erste Frucht, welche diese Aussaat zur Reife brächte. Seitdem haben die Declinationen gegen Rußland in den Kreisen politisircnber Kannegießer kein Ende genommen. Das Gespenst des beherrschenden Russischen Einflusses war, einmal Heraucheschworen, nicht wieder aus den Köpfen zu verbannen; und viele unserer Stubengelehrten, Spießbürger und Journalisten bildeten zuletzt sich alles Ernstes ein, daß Deutschland nahe daran sei. Der Russischen Herrschaft unterworfen zu werden. Dies ist in Der Kürze Die Geschichte Der Entstehung der Fabel von DemRussischen Uebergewichte", welche jetzt die Engländer und Die Franzosen sich so viele Mühe ae- bkn, zu ihrem Vortheile auSzubeuten.

Verschweigen dürfen wir nicht, daß, wie den meisten Erfindungen, so auch dieser ein Körnchen Wahrheit zu Grunde liegt. Die Verhältnisse haben seit der Zeit, wo der Freiherr von Herberstein im Aufträge des Kaisers Maximilian II. seine Gcsandlfchattö- und Entdeckungsreise an den Hof den Ezaren von Moskau unternahm und die seltsamen Lilien mit Gewohnheiten ves damals noch bei Weitem mehr Asiatischen als Euro­päischen Volkes beschrieb, sich gewaltig verändert. Die

Russischen Grenzen, die damals bei Smolensk und Kiew waren, sind seitdem bis in die Nähe von Posen und Krakau vorgerückt. Es giebt keine große Europäische Frage, in der Rußland nicht neben den übrigen Großmächtenein entscheidendes Gewicht in die Waage legte. Auch ist nicht zu leugnen, daß besonders in Deutschland der Russische Einfluß ein sehr bedeuten­der ist. Das Russische Kaiserhaus ist mit allen Deutschen Fürslen-Gelchlechicrn durch die nächsten Bande der Ver­wandtschaft verbunden; und die Russischen Gesandten, die sich an allen größeren Deutschen Höfen befinden, werden daher an Den meisten nicht blos als politische Bevollmächtigte, sondern als Familien - Gesandte angesehen und in dieser Eigenschaft nicht selten zu den intimsten Berathungen zugezogen. Das sieht denn nun freilich sehr gefährlich aus, ist es aber bei Weitem nicht so sehr, wie es aussieht, schon aus Dem einfachen Grunde nicht, weil bekanntlich Die Rechie, die aus Familienban- den Herfließen, gegenseitig sind, und weil daher die Rassen eben so viele Ursache haben. würden, über den Deutlichen Einfluss in Rußland zu klagen, wie wir über den^ Russischen in Deutschland. Wenn man aber den Russischen Einfluß in Deutschland zu einem herrschen­den ober auch nur zu einem vorherrschenden machen will, so ist nichts Dichter, als viele Behauptung zu wi­derlegen, indem man den dunklen Gerüchten, auf welche dieselbe sich stützt, klare und unzweideutige Thatsachen entgegenstellt.

ES ist bekannt, daß Rußland, welches in seiner Politik allerdings sich nicht durch Deutsche, sondern, wie sehr natürlich, durch Russische Interessen bestimmen läßt, dem Deutschen Zollverein, den es bis zu dieser Stunde nicht anerkannt hat, von Anfang auf das Ent­schiedenste entgegen gewesen ist, und daß es alle ihm zu Gebote stehende Mittel angewandt hat, um der weiteren Ausbreitung desselben entgegen zu wirken. Dennoch hat es nicht zu verhindern vermocht, daß der Zollverein in­nerhalb der 26 Jahre, die seit Dem Abschlüsse des ersten Vertrags mil Hessen-Darmstadt verflosien sind, aller Hin­dernisse ungeachtet, die demselben weniger der Russische Einfluß, als der Deutsche ParticulariSmus ent- gegenstellte, sich Schritt für Schritt dem Ziele genähert hat, von dessen endlicher Erreichung uns voraussichtlich weder der Russische, noch der in dieser Beziehung bei