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thum umgeprägt haben, ist schon früher angebeutet und überhaupt hier nicht zu erörtern. Beim heutigen Stand der Sachen genügt die Bemerkung, daß es wahrhaft kindisch wäre, jetzt mit gleicher Erwartung wie Bonaparte in Rußland einzudringen. Wenigstens kann ein Ueberblicken der beinahe dreißigjährigen Regierung des Kaisers Nikolaus den denkenden Mann 'schnell von solchem Irrthume heilen.
Eagesbegebenheiten.
Berlin. — Die evangelische Kirchen-Conferenz, deren diesjähriger Zusammentritt in Eisenach bereits mehrfach angekündigt war, wird der Weim. Zig. zufolge auf den Anirag Preußens in vielem Jahre ausgesetzt bleiben.
— Man erwartet in Preußen ansehnliche Körner-Zufuhren aus Rußland, und da auch die Saaten vortrefflich stehen, so rechnet man auf ein baldiges Heruntergchen der Getreide-Preise.
Berlin, am 17. Mai. Heute fand im Königlichen Schlosse zu Charlottenburg die feierliche Verlobung ihrer Königl. Hoheit der Prinzessin Lu ise (Tochter des Prinzen Karl Kgl.Hoh.) mit Sr Durchlaucht dem Prinzen Alcris zu'Hessen-Philippsihal-Barchfeld statt
Karlsruhe, 21. Mai. Gegen den Erzbischof von Freiburg ist Criminal-Untersuchung ein- geleitel worden,' wegen Mißbrauchcs des Amtes und Gefährdung der öffentlichen Ruhe uud Ordnung, verübt durch eine neuliche Verordnung über die Verwaltung des Kirchenvermögens.
Neudorf, im Herzogthum Nassau, 14. Mai. In dem heutigen Vormittags-Gottesdienft wurde die längst angedrohte Ercomm unicalio n gegen den (Regier- ungs-)Verwalier des hiesigen Pfarrguts Gcmemderath Meth von der Kanzel herab bekannt gemacht. Als Folgen der Ercommurucation bezeichnete der Pfarrverwalter Giese, daß Meth nunmehr von der katholischen Kirche ausgeschlossen und als Heide zu betrachten sei, mit dem allegmen Katholiken den Umgang meiden müßten. Gleichzeitig wurden alle Arbeiter, welche in neuerer Zeit in den Weinbergen der Pfarrei gearbeitet aufgeorderr, sich an den Bischof zu wenden, um von demselben Verzeihung hier für zu erbitten, widrigenfalls sie dasselbe Schicksal treffe"
Alte na, 13. Mai. Der bekannte Baptist, frühere Pastor Ringsdolff in Vollmarslein kam gestern hier an und hielt am Abend in einem Privathause vor etwa 50 Personen — Frauen und Taback rauchenden Männern — einem Vertrag. Die Versammlung wurde jedoch inmitten des Vortrages polizeilich aufgelöst und re. Ringstviff heute Vormittag durch die Polizei-Behörde aus der Stadt verwiesen.
Bremen, 15. Mai. Für den heutigen Erpeditions- tag find wieder circa 6000 Auswa nderer angekom- men. (In Hamburg beträgt die Expedition 15-1600 Personen)
Paris, 19. Mai. Der heutige „Moniteur" meldet aus Turin, daß 60 bewaffnete lFIüchIinge sich in Sarzana ausgefchisft haben, um nach Tos- cana zu marschiren. (Sarzana ist eine Stadt mit einem Castell im Herzogthum Genua, früher Wohnsitz mehrerer Mitglieder der Familie Bonaparte.) Sie behaupteten, daß sie die Vorläufer einer weit zahlreichen Ansammlung seien. Ein Dampfschiff geht von Genua mit Truppen ab, um die Flüchtlinge in Empfang zu nehmen. (Soll hoffentlich heißen gefangen zu nehmen.) Der „Boniteur" fügt hinzu, man versichert, daß diese Demonstration einer geheimen Agitation Russischer Agenten nicht fremd sei. (Richtig, da sind die Russischen Agenten wieder! Jedenfalls wird uns der „Moniteur" nächstens erzählen, Russische Agenten härten Herrn Murat zum Könige von Neapel ausgerufen.)
London, 18. Mai. In der City ist gestern über Lemberg eine Depesche aus Odessa eingetroffen, daß der Schraubendampser „Tiger" von 400 Pferdekraft, zur verbündeten Flotte im Schwarzen Meer gehörig, in der Nähe der Stadt aufgefahren und von den Russen gefangen wurde. Die 200 Köpfe starke Bemannung soll gefangen worden sein. Die Depesche spricht noch von zwei anderen kämpfenden Dampfern, ohne genauere Angaben zu machen.
Italien. — Am 12. Mai ist zu Rom nach längerem Leiden der Cardinal Lambruschini verschieden. (Aloysius Lambruschini, am 16. Mai 1770 zu Genua geboren, Barnadit, aus der Congregation der regulären Cleriker des heiligen Paulus, Cardinal der Kirche 30. September 1831, Bischof von- Porto, S. Rufina und Civita-Vechia 11. Juni 1847, zweiter Decan res heiligen Collegiums, Großprior des Ordens von St. Johann zu Jerusalem, Großkanzler aller päpstlichen Orden.)
Wom russisch-türkischen «Kriegsschauplatz.
B u k a r e st. — [Ueber die bevorstehenden Operationen.) Aus Allem, was man hier in militairischen Kreisen hört, geht deutlich hervor, daß der Plan der Russen dahin abzielt, alle drei Operationslinien, die nach Adrianopel führen, in ihre Gewalt zu bekommen. Diese drei Straßen laufen parallel 1) aus der Dobrud- scha über Parawavi, Airos nach Arab-Burgos, 2) von Rustschuk gegen Schumla, Karnabat, Bujukderbeat nach Adrianopel; endlich 3) von Rustschuk über ■ Gabrowa und Kasanlik durch die bevölkerten und fruchtbaren Gegenden Bulgariens, wo noch jenseits Tirnova der Weinstock gedeiht und jeder Theil des Bodens benutzt ist. (Wie wir hier in Wien aus guter Quelle erfahren, sollen die Auriliar- Truppen auf'dieser Straße gegen Schumla vorrücken. D. Red. b. Ostb. P.) Der Weg über den Hämuörücken bei Kasanlik wird so eben hergestellt; nur drei Stunden sind erforderlich, um den Hä- musrücken zu erreichen, und drei weitere, um nach Schumla zu gelangen. Zur Gewinnung dieser drei