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Nr. 24. Hersfeld, den 25. März. 1854.

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Das ist vom Herrn geschehen, und ist ein Wunder vor unfern trugenDer Hüter Zfraels schläft, «och fchlum- mert nicht.

Psalm 118 23. 121, 4.

Es war am Freitag vor Neujahr 1854, als das Zimmermann Gesche Ehepaar wegen eines gerichtlichen Termins von W., einem nahe demHeinrichwalve in Thü­ringen gelegenen Dorfe, nach der etwa 1 Meile entfernt liegenden Kreisstadt L. sich begab. Die ganze Woche des Jahresschlusses wüthete, wie bekannt, ein Unwetter, dessen man sich in solcher Heftigkeit und Fürckterlichkeit seit Jahren nicht zu entsinnen wußte. In richten Flocken fiel unaufhörlich der Schnee vom Himmel herab, bedeckte Wege und Fluren, thürmle sich haushoch auf, so daß es schwer war, die Wegspuren selbst in der nächsten Umge- buna zu halten und wieder zu erkennen. Dabei wüthete der turnt, daß die Bäume ächzten, die Häuser erschüt­tert wurden und die aufgejagten Schneetheile in der Lust wirbelnd das Tageslicht zur Dämmerung machten. Es schten, als ob das Element der Luft am Schlüsse des Jahres sich auch noch in gleicher Gewalt und Verwüstung zeigen wollte, wie es seine Bundesgenossen sattsam im Lause des Jahres gethan hatten. Gerade am Freitage aber hatte des Orkans Wuth und das Unwetter den höchsten Grad erreicht, Selbst im Hause und unter dem ^achc warb's einem bänglich, der Fürst in der Luft grollte und tobte in unbändiger Wuth, und die bösen , >ster unter dem Himmel rührten emsig ihre Hände zum zerstörenden und verderbenden Dienste.

Weil die Pflicht rief, machte sich das obengenannte Ehepaar gotlvertrauenv auf den Weg. Den zurückbleiben- w"^ noch beim Weggange erklärt, daß sie im Falle des Ausbleibens am Abende unbesorgt sein mochten, denn hatte das Wetter so an, dann sei an eine Heimkehr nicht zu denken, und sie würden in der Stadt Vleiben und erst am folgenden Tage zurückkommen. 32er hinweg wird mit Mühe und Beschwerde zwar, doch ohne Unfall zuruckgelegt. Nach beendigten Geschäften begaben sich die genannten Eheleute etwa 3 Uhr Nach- mittags auf den Ruckweg. Der Sturm und das Un­tier wüthen nur noch ärger und heftiger denn früh.

Noch andere Orts- und Gemeindegenossen, die auch wich­tige Geschäfte in die Stadt geführt hatten, gesellten sich ihnen, und getrost wird nun in Gesellschaft und Ge­meinschaft der Heimweg angetreten. In der Mitte des Weges zwischen W. und L. liegt der Ort Sch. an der Straße. Bis dahin, wo die Anpflanzungen ein Merk­zeichen bilden, kommt man glücklich doch mit Anstrengung und erschöpft an. Hier trennt sich aber die Reisegesell­schaft, indem ein Theil in dem WirthShause sich erquicken und erholen will. Auf die Bitte der Frau, die es nach Hause zu den Kindern ruft, läßt sich der Gatte auch be­wegen, mit ihr allein den Weg nach dem eine Stunde weiten Heimatbsort' anzutreten, in der Berechnung, es sei ja nicht cut möglich, den so bekannten, schon so oft gegangenen Weg zu verfehlen, und die übrige Reisege- scüschäfl werde sie bald wieder einholen. Sie machen sich also allein auf den Weg.^ Bei dem schrecklichen Un­wetter verloren sie aber die Spur sogleich beim Hmaus- tritle aus jenem Orte und irren im Felde umher, ohne zu wissen, wo sie sind. Nach ihrer Aussage ist es gegen 4 Uhr Nachmittags gewesen, als sie von Sch. aufdra- chen. Nach stundenlangem Marsche, beständigem Umher-- irren, rastlosem Suchen, schwindet endlich die Kraft zum weiteren Fortkommen. Schon ergeben sie sich In ihr trauriges. Schicksal, schon glauben sie, daß das Schnee­lager ihr Sterbebette, seine Tiefen ihr Grab seien, daß ihr Ende nahe und der Tod durch Erfrieren und Erstar­rung unvermeidlich sei, da entflammt in des Mannes Brüst der gläubige Muth:Nein," ruft er,das wird der liebe gute Gott nicht zulass n; so kann er uns nicht um kommen lassen; käs kann sein liebes Vatcrheiz nim­mermehr zugeben V Auf, liebeS Weib, 'ammle deine letz­ten Kräfte. Noch wollen wir unsere Rettung versuchen!" Er faßte die schon Erstarrende bei der Hand und unter Thränen und lautem Gebete wird ein Ausweg gesucht. Der Sturm heult, die Flocken wirbeln, die 'Nacht ist her­eingebrochen. Nur weite, weite Schncefläche! Kein Baum, kein Kennzeichen, keine Hoffnung, baß ein Ort in der Nähe sei. Da scheint es ihnen, als ginge es in eine Tiefe hinab, als standen dort in einem Grunde Bäume. Indem sie freudig darauf zugchen, um sich vielleicht da zurecht zu finden, neue Noth, neues Unglück! Beide stür­zen in einen Wassergraben bis unter die Anne. Mit letzter Anstrengung arbeiteten sie sich heraus und keuchen eine Strecke weiter. Da gefrieren die vom Wasser durch-