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tete mit ihnen aus seiner frommen, glaubensfesten Kin­derseele. Da wurden dann Die bleichen, von Hunger aufgeschwossenen oder abgezehrten Gesichter wieder roth und freundlich, und die Kleinen, die am Morgen traurig matt den Berg zur Schule hinaufschlichen, kamen froh und munter wieder heraus zu ihren Eltern, die wohl in­deß auch eine unbekannte Hand mit Speise und Stär­kungsmitteln versorgt hatte. Und so gab es in der Zeit der Hungersnoth in jenem Lande eine Menge bekannter und verborgener Wohlthäter der Armen, deren Namen und Thaten einst derVergelter der Barmherzigkeit nennen wird. Aber wenn sie auch nicht bekannt wurden, die Wohlthaten der Väter, so erkennt sie ein aufmerksames Auge doch leicht an dem wegen, den ihre Kinder und Kindeskinver reichlich zu genießen haben.

Zu derselben Zeit speiste auch in der ärmsten Ge­gend des sächsischen Erzgebirges, in Stühengrün, ein frommer, gottesfürchtiger Kaufmann, Namens Martin, täglich einen großen Haufen armer, vom Hunger ganz entkräfteter Menschen mit kräftiger Reis- und Fleischkost in seinem Garten. Ohne jenen reitenden Engel wären die Armen verhungert. Denn dort ist ja, auch wenn keine.Hungersnoth ist, das Elend so groß! Aber in eben jener theuern Zeit, wo so viele gute Menschen Thaten und Thränen des Erbarmens auösäctcn, die einst ihre Frucht bringen werden, lebte auch an einem gewissen Ort, den ich nicht nennen will, ein sehr reicher Handels­mann und Stadtrichter. Dieser mußte nun wohl nicht wissen, wie es einem hungernden Armen zu Muthe ist, Denn er war taub den Bittenden, während er und seine Freunde den besten Rheinwein aus großen Krügen tran­ken und köstlich speisten; er lieh gegen ungerechte Zinse den bis zur Verzweiflung gebrachten Armen auf Pfänder, oder faulte sehr vonheilhaft an sich, was sie hatten, wäh- rend-die Kinder des Hauses mit den großen Thalern in der Wtubc spielten. Hatte sich nun besonders ein Armes in der großen Hungersnoth vergangen und etwa eine Rübe aus dem Felde gezogen und gegessen und war von dem Feldbesitzer, der kein mitleidiger Boas war, ergriffen worden, so ließ der Sladttichler den armen Dieb aui'S Unbarmherzigste strafen. Besonders halte er seine bos­hafte Freude daran, sie in das sogenannte Narnnhäus- chen zu stecken, einen runden Käficht, der aus Lallen zu- sammengenagelt war und der sich wie eine Drehschaukel herumdrehen ließ. Da kamen denn Buben, die in dem Hause ihrer bemittelten Eltern noch nie gefühlt Hütten, wie der Hunger so wehe thut, und drehten das Häuschen herum, bis die armen, ohnehin sehr entkräfteten Menschen in Ohnmacht fielen, und was boshaftere oder muthwilli- gere Kinder waren, stachen wohl gar die Leidenden zwi­schen den Lallen hinein mit Nadeln. Aber siehe, der reiche Mann, der schon vor der theuern Zeit reich war und während derselben (hätte man meinen sollen) noch reicher geworden war, kam nach der theuern Zeit, man wußte gar nicht wie? so herunter, daß er ganz verarmte. Sein großes schönes Haus (damals fast das schönste im

Orte) blieb unausgebaut und verödete; von den Söhnen starb der eine im Armenhause des Orts; der andere ar­beitete lange als Taglöhner in eben Den Häusern, welche seine Familie früher (ach, sie wußte nicht, was sie that) tief verachtet hatte uno starb endlich an einem entfernten Orte im Spiral; Die Töchter, Die einst vor Stolz sich kaum kannten, gerielhen an sehr arme Männer, nur eine, gut und still, lebt im Segen und äußerlich wohlhabend. Und jener Kaufmann Martin in Stützengrün, und noch mehr Der wirklich dem Anscheine nach oft über feine Kräfte austhellende Kaufmann Zill in Hohenstein, von denen damals wohl mancher zur Unzeit sparsame und kluge Hauswirt!) kopfichüttelnd sagte: Gebt nur Acht, wie sich diese guten, unvorsichtigen Leute durch ihre unbedachtiame Verschwendung zu Grunde richten werden! sind Denn Die etwa durch ihre Freigebigkeit ärmer geworden? Rein! sie wurden vielmehr seit der theuern Zeit auffallend reicher und bemittelter; wo ehedem der alte Zill und der alte Martin kleine Häuser hatten, da haben jetzt ihre Kinder große, schöne, piächiice Gebäude und man wird bei Dem Anblicke deS Hauses, welches Der jetzige Kauf­mann Martin in Stützengrün besitzt, das an Größe und Schönheit einem gräflichen Schlosse gleicht, unwillkürlich an Die Verheißung der Bibel erinnert:Der frommen Väter wegen bauet den Kindern Häuser!" und er­hält sie ihnen auch, wenn sie selbst wandeln in den F«ß» - stapfen ihrer frommen Vater. Darum, liebe Leser, laßt uns nie sparsam sein zur Unzeit! Auch schon in den segnenden Worten der Armen liegt wahrlich eine ganz besondere Kraft. Einen wunderbaren Beweis hiervon erfuhr Der wackere B.. in N.., weicher während der obgevachten theuern Zeit zu Gera als Bäckergeselle lebte. Er sparte jeden Morgen sein Brod, das er zum Früh­stück besam, auf, um es den hungernden Armen zu ge­ben. Einmal, da er aus's Feld gehen sollte, hatte er sich (weil er wohl selber hungrig war) ein recht großes Stück, wohl ein Pfund Brod äbgeschniteen und einge­steckt. Außerhalb der Stadt begegnet ihm ein bleicher, vor Hunger abgezehrter Jude, der ihn schon von weitem flehend änsiehl. B.. bemerkte bald, was jener will, und reicht ihm, noch ehe er'S verlangte, das Brov. Da bricht Jener unter Thränen in laute wegnungen aus nach Dem bildlichen Ausdrücke, dessen sich die Juden oft bedie­nen, wünscht er seinem Wohlthäter, daß dieser durch Got­tes vergeltende Hand gerade eben so viel Gold bekom­men möge, als das Brod an Gewicht betrage. Und was geschah? B.., der von Haus aus ganz arm war, erbte später, auf eine wirklich nicht vorherzuscbende Weise, un­ter Anderem auch an baarem Gold so viel, daß es ge­rade ungefähr ein Pfund betrug.