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Dritter Jahrgang.
Petition (obere Endengasie Nr. 132)' zu 6 Hlr. Durch alle Postämter zu beziehen. Inserate die dreispaltige Petitzeile 8 Hlr.
Die Hornisse.
M- 238.
Kassel, Freitag den I I. Oktober
1830,
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Der NechLsboden und wir.
Nichts ist kindlicher und perfider zugleich, als daö ängstliche Bemühen gewisser Blätter, zwischen der kurhessischen und Hessen-darm- städtischen Situation einen Unterschied zu machen. Was sollen jene Proteste und Verwahrungen, wozu der Schmutz, den ihr auf unsere Brüder werft, wozu das verächtliche Naörümpfen über die demokratische Kammermajorität drüben, und die Anerkennung, die ihr der Demokratie hier zu Theil werden laßt? Erinnert ihr euch vielleicht jenes Pharisäers, der Gott bank, nicht zn sein, wie jener einer?
Ihr setzt ein Verdienst darein, starr und fest am Gesetze gehalten zu haben. Ihr weisst jede Gemeinschaft mit der Revolution von euch, eure Opposition soll sittsam sein, wie ein zwölfjähriges Mävchcn, lauter wie Gold, untadelhaft wie die Gerechtigkeit selbst. Brav von euch, sehr brav. Freilich seid ihr irre, wenn ihr glaubt, die Rache der Gewaltigen werde euch hinter dem Schild eures Gesetzes, hinter der Mauer der klaren Buchstaben nicht zu finden wissen, man werde einen Unterschied machen zwischen Opposition und Rebellion. Freilich werdet ihr schließlich bekennen müssen, daß euer Witz nunmehr zu Ende sei und daß es fortan kein anderes Recht mehr gebe, als der Trost, sterben oder verderben zu können, wie mau Lust habe, der süße Trost, gestandrechtet zu werden, weil man zu honett, zu sittsam gewesen sei, zu sterben mit der Hoffnung, daß die Götter dereinst den Frevel rächen und — — — ja eS kommt darauf an, ob die Götter menschliche Arme zu diesem Strafgericht benutzen wollen, ober ob sie sich auch auf die Seite der politischen Sittsamkeit zu stellen belieben.
Aber was hat dieses euer Steifen auf den Buchstaben des Ge- sctzcs mit eurer Wegwerfung der hessen-darmstädtischen Bewegung zu thun? Hier ist auch gut Gesetz und gut Recht. Oder kommt es euch auf einen Buchstaben Recht mehr oder weniger an? Muß in Darmstadt jede Silbe Gesetz ebenso lauten wie bei euch, wenn die Darmstädter Kammermajorität vor euch Herren Gnade finden soll? Muß der Minister, den sie dort haben, ebenfalls Hassenpflug heißen, und nicht Dallwigk? Mußte Hr. v. Dallwigk, statt die Verfassung im Januar 1850 zu brechen und zu zerreißen, sie anno 32 gebrochen und zerrissen haben? Mußte er erst wegen Diebstahls vor Gericht gestanden haben, ehe sich die Verschleuderung der Steuern zu ihm versehen ließ?
Sonderbare Logik, sehr sonderbar. Oder zittert ihr vor der Möglichkeit, daß man euch vorwerfen werde, ihr hättet die Bewegung über die Grenzen eures Landes geleitet, ihr hättet den Anstoß zur allgemeinen Steuerverweigerung gegeben? Was man euch vorwerfen will, wirft man euch doch vor, Niemand entgeht der Verleumdung. Im Rathe der Gewaltigen legt man sich die Dinge zusammen, wie man eS für gut findet, wie man sie brauchen kann. Hr. Hassenpflug hat euch schon zu Kammerrebellen gestempelt, er wird euch auch die Absicht einer deutschen Empörung aufoktroyiren können. Stellt euch nur immer zahmer, lamentirt nur immer lauter gegen solches Unterschieben von Absichten, retirirt sogar aus Furcht um ein paar Meilen von eurer gesetzlichen Position, — die Herren Diplomaten hören und sehen von alle Dem nichts, sie hören und sehen nur daS, wofür sie euch abstrafen wollen. Kinder, die ihr seid! Wo ich Recht habe, will ich mein Recht behaupten, und wenn man mir später des Himmels Einsturz zur Last legte. Aber freilich, freilich, ihr seid Staatsmänner, welche Rücksicht zu nehmen, Rechnung zu tragen haben, die nicht weiter geh« als bis zur Grenze des Möglichen.
Hört, wie wir zu Hessen-Darmstadt stehen. Nach unserer Mei- nung ist Hessen-Darmstadt ebenso in seinem Rechte, wie ihr in dem eurigen. Ja, und wäre daS Gesetz darüber weniger klar, als eö ist, wäre Hr. v. Dalwigk weniger ein Hassenpflug, als er ist,--in Sachen der Steuerbewilligung mußte auch der Schatten eines land- ständische« Rechtes vertheidigt werden, in Sache« der Budgetvorlage
mußte der letzte Heller der ministeriellen Pflicht bezahlt sein. Das mußte geschehn, so gewiß es ist, daß das Hassenpflugsche Attentat auf das StcuerverwilligungSrecht nur ein Symptom der allgemeinen fürstlichen Verschwörung gegen die Steuerverwilligung ist, daS mußte geschehen, weil eS jetzt heißt: wir oder ihr, leben oder sterben. Gegen- über dem fürstlichen Complott muß daS Volk keinen Fuß breit von feinem Rechte weichen, muß es mit der Eifersucht eines Weibes für seine Ehre kämpfen, muß eS sich nicht an das todte Wort, sonder« an die lebendige Sache halten. Die Steuerbewilligung wäre in Darmstadt ein freiwilliger Verzicht auf das Recht dazu gewesen,--das ist die Auffassung Seitens der Weltgeschichte.
Und ihr wagt es, Hessen - Darmstadt zu schmähen und zu verdächtigen? Bedenkt, daß ihr euer eigen Gesicht schändet, daß ihr eurer Opposition die welthistorische Bedeutung, die eigentliche Berechtigung entzieht. Indem ihr euch blos an daS Gesetz haltet, indem ihr'— thöricht genug! — der Bewegung jeden tieferen sittlichen Inhalt bestreitet, werft ihr euch selber über Bord, nehmt ihr eurer Krone den Edelstein, stemvelt ihr die Bewunderung, die euch die Welt zollt, zu einem schönen Irrthum.
Die Verleugnung der Bewegung in Hessen-Darmstadt ist die totale Enttäuschung deS Publikums, das in seinem strahlenden Helden endlich einen philisterhaften Lumpen entdeckt.
Wir weisen diese Verleugnung zurück!
D e U t s ch l 6 n d.
* Kassel, 10. Okt. — Die Demokratie deS Großherzogthums Hessen scheint den Erwartungen, welche die Partei auf sie zu setzen berechtigt war, nicht entsprechen zu wollen. Nicht einmal eine Agitation gegen die Gcwallstrciche des Dallwigkschen Ministeriums scheint versucht zu werden. Selbst die kurhess. Konstitutionelle« würden cs für schmachvoll halten, so kampflo s zu unterliegen. Eine so bedeutende Majorität, wie sie in den letzten Kammern hervorge- treten, bedarf keiner Beamte«, um für die Beschlüsse der Volksvertretung mit Erfolg zu agitiren. Eine lebendige Agitation würde die schwankenden Beamten befestigen, den verfassungstreuen Halt und Bedeutung verelihen, an das Gewissen der Meineidigen als drohende Volksstimme schlagen und — wenigstens einen ehrenvollen Untergang herbeiführen. „WaS geht uns die Verfassung an? werdet ihr entgegnen— wir sind Demokraten." Gut, die Verfassung, als Verkörperung deS KonstitutionalismuS, geht euch allerdings nichts an; aber dann durftet ihr auch in den Kammern nicht für sie in die Schranken tretnn. Mit Annahme deS Lehne'sche« Antrags habt ihr den Kampf für die Verfassung, oder für daS Minimum der von der Verfassung garantirten Freiheiten aufgenommen. Dürft ihr «u» diese Fahne feige verlassen? Dürft ihr das, gerade in dem Augenblicke, wo die ministeriellen Ukase, welche die Vernichtung deö deS VereinsrechteS, der Preßfreiheit u. s. w. aussprechen, zur Genüge beweisen, daß es sich um mehr handelt, als um Beseitigung der Konstitution? Die Verfassung mag euch allerdings nichts angehe«, aber die Reaktion geht euch an. Mit gerechter Verwunderung lesen wir in eurem Organe, der „Mainzer Zeitung", bezüglich der Dallwigk'schen Preßordonnanz: „Hierdurch ist die freie Meinungsäußerung unmöglich gemacht und unS ... Schweigen aufgezwungen. Wir werden vor wie nach unserer Ueberzeugung treu blnbeu, aber Strafbestimmungen gegenüber, welche um jeden Punkt des staatlichen Lebens eine chinesische Mauer ziehen und den, reeller uhn genug ist, sich ihr zu nähern, mit den härtesten Ahndungen bedrohe«, bleibt uuS nur die Wahl, unâ jedes Urtheils zu en ha en, . . . oder unS mit gebundenen Händen dem neuen Strafco er z überliefern. Diese Wahl kann nicht zweifelhas I • Nutzlos de» Triumph gesinnungsloser Blätter zu erpopen, thöricht. Fürwahr sehr sonderbare Wahl, höchst sonderbare.