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Dritter Jahrgang.
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H o r n i s s e.
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Kassel, Sonnabend den 21. September
1850»
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„Der Sitz Unserer Negierung ist nach Wilhelmsbad verlegt."
Alles schon dagewesen. Nur in schwächerer Auflage. Wird ebenso vo: übergehen, nur mit etwas stärkeren Konvulsionen und Nachwehen. Auch Wilhelm II. hatte seinen Aufenthalt in WrlhelmSbad genommen, als ihm daâ „rebellische" Kassel nicht mehr zusagte. Er ist gestorben, ohne seine Residenzstadt jemals wiedergesehen zu haben. Den Sitz der Regierung hatte er freilich nicht aus Kassel verlegt. Er begnügte sich mit seiner verachteten Maitresse, seinen Lakaien und einigen Kreaturen, die späterhin Millionäre geworden sind, fern von einer Stadt zu leben, die seiner Courtisane ihre Nadelgelder, d. h. die Staatskassen, aus der Hand genommen, die ihm selbst die Hälfte seines Schatzes entrissen und ihm Gesetze aufgedrungen, welche seinen liebenswürdigen Launen, seine Unterthanen durchzuprügeln, oder ihnen die Häuser über dem Kopf abzureißen ,' einen gelinden Zwang anthaten. Er war jedoch so wenig auf daö Regieren versessen, daß er seinem Sohne dieseâ langweilige Geschäft überließ, daS unerträglich wär, wenn es nicht so einträglich wär.
Also Alles schon dagewesen. Nur mit einigem Unterschied. Wilhelm II. wurde alsbald von den Kassclanern unter Ach und W-h zurückersehnt. Deputationen und Petitionen drängten sich, um den prachtlicbenden Herrn in die Mitte seiner treuen Bürger zurückjuführcn. Dem Kurfürsten war dieS stets eine hohe Genugthuung, namentlich, als selbst unter dem erhabenen Regiment seines Herrn Sohnes Lrebden derartige Wünsche nur um so lauter wurden. Bis zum Augenblick seines Todes gab er selbst von Zeit zu Zeit zur größten Freude seines liebevollen SohneS dem Gerücht neue Nahrung, daß er zurückkehren und seinem Mitregenten die Zügel der Regierung abnehmen werde. Woher kam diese Hinneigung zu einem Fürsten, dessen Privatleben ein Gegenstand tiefster Verachtung gewesen, dessen Wlllkürrcgiment zur Revolution getrieben? Von seinem Geld und von der Art und Weise, wie er eS mit vollen Händen auSgab. Mit seiner Entfernung war für Kassel, namentlich für die Bauhandwerker dieser alten Hofstadt, fast aller Verdienst, fast alles Leben verschwunden. Kassel war als Hofstadt in Pension gesetzt. ES mußte sich nach neuen Erwerbs- quellen umthun. Der neue Hofstaat deâ damaligen Kurprinzen und jetzigen Kurfürsten machte nicht allein die alten NahrungSquellen ver- siegen, sondern schien förmlich darauf auSzugehen, den Verkehr auch in jeder andern Hinsicht zu hemmen und zu zerstören.
Kurfürst Friedrich Wilhelm I. ist nicht allein ein sehr prosaischer und nüchterner, sondern auch ein sehr genauer Herr^ Man hat niemals etwas davon gehört, daß er irgend ein Interesse für die Wissen
schaft oder die Kunst gezeigt hätte, obgleich er natürlich in allen feierlichen Reden auf Universitäten, Gymnasien und Akademien alâ Be- schützer der schönen Künste gepriesen wurde. DaS Hoftheater, daS einzige Kunstinstilut dieser Art, wollte der nüchterne Herr cingehen lassen; nur ein Zuschuß Seitens der Stände hielt ibn von diesem Schritt zurück. Waâ auS der Universität Marburg, was auS der Akademie der bildenden Künste unter seinem Protektorat geworden ist, weiß ein Jever. Mit der Industrie sah eS noch schlimmer auS. Seit 1830 beschäftigte man sich mit der Untersuchung über Eisenbahnanlegen. Die fürstliche Laune warf jedem Plan unübersteigliche Hindernisse in den Weg. ES war zu fürchten, daß daS Land von Außen umgangen und gänzlich von allem Verkehr abgeschnitten würde. Envbch brachte man eS zu einer Aktiengesellschaft und zur Genehmigung eines Baues. Die fürstliche Laune setzte der Ausführung neue Hindernisse in den Weg. Jahre vergingen, bis der allerhöchste Scharfblick den paf- senden Platz zum Bahnhof entdeckt hatte; — inzwischen waren die Aktien unter Null gefallen. Tausende kamen an den Bettelstab. Im Kleinen ging eS ebenso wie im Großen. Um Ersparnisse auö dem Militäretat für neue Uniformen und für große Herbstmannöver zu machen, wozu die Landstände nichts verwilligten, wurden die Armee- lieferungen ins Ausland vergeben, over nur für Kapitalisten zugänglich gemacht. Außerdem benutzte man diese Lieferungen zu den schmutzig- sten Bestechungen. Man knüpfte daran die Bedingungen deS Servi- liSmuS bei Ständewahlen und dergleichen; — man drohte Einzelnen und ganzen Gemeinden, deren politisches Glaubensbekenntniß nicht daS allerhöchste Wohlgefallen hatte, mit Entziehung ihres Brodâ und Er- werbS. — So schaltete man mit dem Gelde, daS dem Staat gehörte; so benutzte man die Summen, über deren Verwendung nur die verantwortlichen Minister und die Stände zu bestimmen hatten, zu seinen eignen niedrigen absolutistischen Zwecken.
Noch schmutziger ging es natürlich mit den Hoflieferungen selbst, über die man ohne Scheu frank und frei verfügen konnte. Fast Alles wurde hier auâ der Fremde bezogen — bei den Lieferungen auS dem Inland- oder aus Kassel selbst wurde auf jüdisch lumpige Manier ge- schachert und abgezwackt — auf die Bezahlung dagegen ließ man Jahre lang warten. Im Jahr 1850 hatte die "Hofkaffe eine Schuld von 200,000 Thlr. gehäuft, und zwar nicht 'blod AuSstänve bei Metzgern, Bäckern und Kaufleuten für Lieferungen en gros, sondern auch bei kleineren Spezereikrämerp , Handwerkern und Tagelöhnern. Man konnte von jedem Gewerbsmann hören, daß ihm jede Arbeit wrllkommner sei, als solche Hofarbeit. Kassel hat seit dem Jahr 1830 sich daran gewöhnt, nicht von Hofarbeit zu leben. Ein Hof, der wie der jetzige, den schmutzigsten Geldwucher und Aklienschwindcl trieb, hatte kein Geld für die Industrie. DaS Verschwinden dieses