Dritter Jahrgang.
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212. Kassel, Mittwoch den 11. September 1830.
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Der Kriegszustand.
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In der That, seitdem man das Vergnügen genießt, dieses Ungethüm in der Nähe zu betrachten, findet wan's nicht so fürchterlich, als man sich's »erstellt. — Und doch ist es höchst gefährlich, diese Ansicht nur merken zu lassen. Reize den Tiger nicht, auch nicht den gezähmten, heißt das alte Sprüchwort. Aber eine unwiderstehliche Neigung des Menschen setzt ihn auch über diese Lehre der Vorsicht hinaus. Wenn das Ungethüm in seinem Käsig nicht mit friedfertigem Gähnen, wenn es sich in seiner liebenswürdigen Katzenmanier seinen brutalen glänzenden Leib und die eingezogeneu Krallen beleckt, wenn es so anmulhig, so gemüthlich, so zierlich mit seinem Schwänze Parade wedelt, — wer sucht hinter diesem liebenswürdigen, sanften, lächelnden Wesen jenes blutlechzende Ungeheuer? — Die Kinder kitzeln eS mit ihren Gerten, die Erwachsenen treten zu ihm in den Kasig, um mit ihm zu kosen. - Es ist so spassig - und doch wie gefährlich ! —
Ein solch' gezähmter Tiger ist dieser unser kmhessischer Kriegszustand. — Dagegen war der Belagerungszustand Dresdens eine wilde Bestie, der Kriegszustand Ungarns , Wiens und Mailands eine rasende Hyäne. — Hr. Hasfenpflug, der zu so Vielem von der Petersburger Knuten-Vorschung ausersehn, hat das Höchste geleistet. Er hat daS letzte Mittel der Reaktion, er hat den Belagerungszustand lächer- li ch gemacht. Die Regierungen Europas haben Alles lächerlich gemacht — alle Maßregeln, die man nur ersinnen kann, um unter gesetzlichen Formen dem Absolutismus ein neues Bett zu graben. Aber um den Bruch deS Gesetzes, nm die nackte Gewalt selbst lächerlich zu machen, dazu bedurfte eö eines HassenpflugS, dazu gehörte ein so kleines Land wie dieses Kurhessen, — Mag auS dieser neuesten Art von Herbstmannöver auch Plötzlich der wirkliche, der furchtbare Ernst hervorbrechen in Thränen, Blut und Verwüstung, — mag sein Ende der Schrecken sein und der Tod, — sein Anfang war und bleibt «ine lächerliche Episode in der Tragödie unserer Tage, eine Kapuzinade mitten in dem waffenklirrenden ernsten Kriegslager Enropas.
Kriegszustand über die gesammten kurhessischen Lände!!! Wer d.nkt nicht dabei an die Fabel vom Frosch, der um dem Ochsen gleich zu werden, sich aufblieS, bis er zerplatzte. Wer denkt nicht bei diesen Worten, wann war dieses Ländchen denn nicht im Kriegs- zustand? — Haben wir nicht bis zum Jahr 1848 unser ganzes öffentliches Leben in Paraden-, Uebungsmärschen und Herbstmaneuvren kon- zenlrirt, die stets von dem schönsten offiziellen Sonnenjchein begleitet wurden? — Freilich, seit dem Jahr 1848 schwieg die Geschichte einige
Zeit von diesen Herrlichkeiten. Die leichtsinnige deutsche Nation hatte sich auf eine neue Unterhaltung geworfen, der fürstliche Sonnenschein war abhanden gekommen. Unbegreiflich! Diese ernste Nation konnte so leichtfertig ihre organische Entwickelung, ihre ganze alte Geschichte vergessen und verleugnen? — Mit starken Mitteln, mit potenzirter Euifaltuiig der alten Tagesbeschäftigung muß sie an ihre Vergangenheit erinnert werden, — damit sie sich selbst wiedersindet, damit sie beschämt zurückkehrt zu ihrer einfachen Vorzeit — zu ihrem Handwerk — und zu ihrem fürstlichen Sonnenschein. — Das Land ist freilich ruhig; nirgends ein Zucken zur Gewaltthätigkeit, — aber der Belagerungszustand ist die modernste Form der kriegerischen Exerzitien — folglich Belagerungszustand! — War nicht daS Herbstmanöver früherer Zeiten eine Uebung auf den Krieg, der nicht da war? Jetzt ist der Krieg da, wer wollte sich da noch fern von dem Schlachtfeld« für den Krieg üben. — Zieht nach SchleSwig-Holstein würde eS heißen; do-t ubt im Ernst, waS ihr im Spiel gelernt habt. — Also eine neue Uebung — die Uebung deö Belagerungszustandes, obgleich das Land im tiefsten Frieden ruht — blos um geübt zu werden, wenn cs vielleicht einmal Revolution macht, — also eine ssr o v i so- rische Suipendirung der Verfassung, bloS zur Uebung für den der- einstlgcn definitiven.
Wahrlich, dieser kleine gezähmte Löwe, dieser Deminutio-Schrecken, der sich über „s am m t li ch e kurhessische Lande" gelagert, wäre nur possiilich, wenn er nicht zornig an seinen Krallen wetzte.
S ch l e S w i g - H v l st e i n.
Q Hamburg, 7. September. — Das Gerücht von der Zurückweisung des Klapprothschen Anerbietens bestätigt sich gottlob nicht, vielmehr ist derselbe mit der Organisirung des Korps vollauf beschäftigt. — Freiwillige melden sich noch immer in Menge, gestern sind wiederum 70 nach Rendsburg abgeaangen. — Am vorgestrigen Tage ward eine große Rekognoszirung nach Friedrichstadt unternommen, bei welcher das 9. und 11. schleswig-Holsteinische Bataillon, das 1. Ja- geikorps und ein Theil des 4ten, sowie die dreipfündige Batterie be- theiligt waren. Das 9 Bataillon drang ganz bis in die Nabe von Friedrichstadt vor, bis auf etwa 000 Schrille von rem unmittelbar bei der Stadt belegenen Chaussee-Hause. Nachdem hier einige Seirnste ohne Erfolg gewechselt worden, gingen die lchl -botst. Truppen wie er zurück, da die ganze Gegend von den Dänen unter Wasser gejetz w . — Zwischen Römstedt und Lehmstich bin murre ein geoxe. a'N e Zell- und Hüllenlager gesehen. - Bon Su wabsted- und Hell ngstedt ist durch Stauung ter Treene eine flmfe WassirUme gelltet, von Hellingstedt bis über Schleswig hinaus zutu sich da. Dannewerk.