Dritter Iahrgang.
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209* Kassel, Freitag den 6. September 1830.
Offene Briefe an Seine Königliche Hoheit.
Königliche Hoheit!
Wenn Sie die Geschichte kennen, Königliche Hoheit, so erinnern Sie Sich vielleicht eines Griechen, der den Feinden seines Vaterlandes den Weg über ein Gebirge wies, an dessen Fuß 300 begeisterte Spartaner den Heldentod starben. Der Mann hieß EphialteS, Königliche Hoheit, und bis auf diesen Tag erblaßt die Wange des Kindes, das den Verrath dieses Elenden sich erzählen läßt.
Königliche Hoheit! Der Name des Mannes, den Sie zu Ihrem Vertrauten gewählt haben, hat keinen besseren Klang als der jeneS Griechen und wird vermuthlich niemals einen besseren haben.
Ihr Premier, Königliche Hoheit, hat Ihnen den Weg über das heiligste Bollwerk Ihres Volkes, über die Versassungsurkunde gewiesen. Er hat Sie über Ihr eigenes Wort, über Ihr feierliches Gelübde hinweg gegen Ihr eigenes Volk, gegen Ihres eignen Landes Söhne geführt. Dieser Verrath ist fluchwürdiger als der gebrand- markte Verrath deö Griechen.
Königliche Hoheit! Seit gestern, seit dem Erlasse Ihrer soge- nannten Verordnung, betreffend die Forterhebung der Steuern, sind Sie auf einer abschüssigen Bahn angelangt. Mit verwegener Hand haben Sie daS letzte Band zwischen Ihnen und Ihren vermeintlichen Unterthanen zerrissen; Ihr Volk hat nichts mehr gemein mit Ihnen. Die Verfassungönrkuude, Königliche Hoheit, war Ihres Hauses Krone nnd Scepter. Sie hoben die Krone von sich geworfen, den Scepter in tausend Stücke zerbrochen. Und wie ist eö geschehen!
Königliche Hoheit! Ihr Volk hat 18 Jahre lang bittere Ersah- rungen gemacht. 18 schwere Jahre lang hat es dulden müssen, daß man Buchstabe nach Büchstabe aus Ihrer Verfassung herauölog, daß man Recht auf Recht auS der Urkunde stahl, die Sie, Königliche Hoheit, mit Ihrem Eide gesiegelt hatten. Daö Volk glaubte, daS Spiel mit seinem Glauben und Vertrauen sei zu Ende.
Königliche Hoheit! DaS Spiel hat von Neuem begonnen. Was man für unmöglich hielt, daß nämlich jetzt, nach 18jähriger Bemühung Ihrer Minister, die Verfassung zu fälschen, noch etwas zu fälschen übrig geblieben sei, daß sich noch weitere Fußangeln und Daumschrau- ben in Ihrer beschworenen Urkunde entdecken ließen, — Ihr Premier, Königliche Hoheit, hat daS traurige Verdienst, dem Volke den Beweis geliefert zu haben, daß die Fälschung der Verfassung erst mit der Verfassung selbst geschlossen ist.
Königliche Hoheit! Ihr Premier hat das Unmögliche geleistet. Von jetzt an haben die Worte der Menschen keinen Sinn mehr, ihre Sprache ist wirklich daS großartige Mittel geworden, die Gedanken zu verhüllen.
Königliche Hoheit! Ihr Vertrauter hat die Entdeckung gemacht, daß man die Volksvertreter zu Gesetzen nicht hinzuzuziehen braucht, weil es eben in der VcrsassungSurkunde heißt, daß sie hinzugezogcn werden sollen. Verstehen Sie daö, Königliche Hoheit?
Ich habe Ihnen gesagt, Königliche Hoheit, daß Sie auf einer abschüssigen Bahn angelangt sind. So wenig die erste Lüge Jhreö Premiers die letzte geblieben ist, ebensowenig wird eS mit Ihrem ersten Machtwort sein Bewenden haben. Schon morgen oder übermorgen werden Sie erfahren können, daß Sie zwar befehlen dürfen, Königliche Hoheit, daß Sie aber den Gehorsam nicht anders finden werden, als wenn Sie hinter Ihren Machtworten berittene Gcuö- d'armerie hcrscnden.
Königliche Hoheit! Es ist bekannt, daß Sie kein politischer Schwärmer oder ein sentimentaler Projcctcnmachcr sind. Auch jene krankhaften Sympathien für daS Mittelalter und die gute Patriarch«, lische Zeit, wo daö Volk die Brosamen von dem Tische seincö durch.
lauchtigen VaterS bekam, gehören nicht zu Ihren Schwächen. Sie sind ein nüchterner, prosaischer Herr.
Königliche Hoheit! Warum lassen Sie also nicht ab von jenen finstern Schwindlern, die Ihnen vorlügcn, die verlorenen Zeiten wieder heraufbeschwören zu wollen, in die Niemand weniger passen würde, als Sie, Königliche Hoheit? Warum wollen Sie Ihr Gewissen beladen um eines Zustandes willen, für den Sie selbst kein Herz haben?
Königliche Hoheit! Bleiben Sie einen Augenblick stehen, ehe Sie weiter auf der Bahn gehn, die Sie gestern betreten haben. Die Luft ist scharf, die Tage sind kalt, und blutige Hände, Königliche Hoheit, sind doch nicht gerade nothwendige Eigenschaften eines gekrönten Menschen. Blutflecken sind bös zu tilgen, Königliche Hoheit. Kassel, 6. Sept. 1850.
Schleswig-Holstein.
C Hamburg, 3. Sept. — Zwei Dänen sind nach Rendsburg eingebracht worden. Von diesen ist der eine bei Friedrichüort, der andere bei Sorgbrück von den Patrouillen gefangen genommen. — 17 Mann, welche mit Schanzen beschäftigt gewesen, sind auf dem Rückweg ertrunken; das Boot, in welchem sich die Mannschaft befand, schlug bei dem heftigen Winde um und konnten sich nur wenige davon retten. — Der Schriftsteller Uffo Horn ist in die schl.-holst. Armee eingetreten. — Major Klapproth'ü Anerbieten, der schl.-holst. Armee ein süddeutsches Corps von 800 biö 1000 Freiwilliger zuzuführen, ist jetzt von dem General-Kommando angenommen; die auf eigene Kosten sich auörüstcndcn jungen Männer auS Süddeutschland werden die schl.-holst. Jäger-Uniform tragen, ihre Offiziere selbst wählen und ein geschlossenes Corps bilden. — Gestern Nachmittag ist das Mitglied deö Friedenskongresses von Frankfurt, Elihu Burrik, in Begleitung Mehrerer nach Kiel gegangen. Glaubwürdigen Nachrichten zufolge soll Rußland das Verlangen gestellt haben, ihm die alleinige Schlichtung der schl.-holst Angelegenheit zu überlassen. — Nach den dänischen Blättern soll sowohl de Meza alö auch Latour du Pin noch am Leben sein.
Deutschland.
C Hamburg, 3. Sept. — Der Hamb. Senat hat auf die ihm zugegangene Einladung Oesterreichs zur Beschickung deS „Bundestags" eine abschlägliche Antwort ertheilt. Die Neuner- Commission hat es ab..elehnt, sich an den Gesetzentwürfen zu betheiligen, welche bei dem zu erwartenden neuen StaatSgrundgesetz in Bezug auf die Israeliten, ihr Bürgerwerden, ihren Gemeindeverband rc. erforderlich sein werden. — Die Ziehung der Hamb. StaatSprämien-Anleihe bat dem Vernehmen nach den Herren H. I. Merk. u. Comp. den Hauptgewinn von 120,000 Mark gebracht; eine angenehme Ueberraschung!__ In der Pattgehabteu Versammlung der Kreditoren deS Hauses J. F. Hinck ward dcuselbcn die Mittheilung gemacht, daß daö HauS durch Hülfe von Freunden im Stande sei, falls alle Gläubiger sich zustim- mig erklärten, einen festen Akkord von 15 pCt., zahlbar sogleich, und 5 pCt. zahlbar nach zwei Jahren, nach der letzten Unterschrift zu bieten. Es fanden sich bereits einige Kreditoren zur Unterzeichnung veranlaßt, während andere erst die Zustimmung ihrer Mandatare einholen wollten.
^Kassel, u. Sept. — Die Behörden weigern sich , die Pri- vatsammlungcn, welche Seine Königliche Hoheit unter dem Namen „Steuererhebung" beabsichtigt, zu befördern. Das Volk hat natm' lich in dieser theuern Zeit sein Geld zu etwas andern, nöthig, als zur Unterstützung des Kurfürsten.. Cs rahlt uicht! „
** Kassel, 6. Sept. - Unter dem einbeorderten Mit,rar soll eine für Hrn. Hassenpflug und seine Projekte sehr ungünstige Stinr- mung herrschen. Es ist als gewiß anzunehmen, daß dav -uutar sich uicht zum Werkzeug des Greifswalder Fastchcrs uni kurhessischen