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Dritter Jahrgang
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M" 203.
Kassel, Freitag den 30. August
1856.
Der Sieg der Contrerevolution
ist vollendet. Alles, was ihr jetzt noch zu thun übrig bleibt, kann sie getrost untergeordneten Creaturen, Polizeibütteln und Unteroffizieren überlassen; aber der Staatskanzler Nestelrode braucht keine Noten mehr zu schreiben, Nadowitz keine Unionâkomövie mehr zu spielen, Manteuffel sich nicht mehr zum Märtyrer der Ehrlichkeit herzugeben, die „deutsche Reform" nicht mehr die Möglichkeit eineö Krieges zwischen Oesterreich und Preußen zu deduciren, die „Neue Hessische" nicht mehr den dänischen Frieden zu vertheidigen, die konstitutionelle „Intelligenz" nicht mehr die Steuern zu verweigern, der „edle Gagern" keine kühnen Griffe mehr zu thun, Hassenpflug nicht mehr zu fälschen, Willisen keine Proklamationen mehr zu erlassen, Demoiselle Raßmussen nicht mehr in TricotS zu gehen, Oetker nicht mehr zu interpelliren und Stüve keine Morgenbesuche mehr bei der Gräfin Grote zu machen.
Von allen Seiten her kommt frohe Botschaft an, Beruhigt sei das Reich, Uns freudig zugethan.
Hat sich in unsern Kampf auch Gaukelei geflochten, —
Wir haben gesiegt. Kaum sind Se. Majestät, der Selbst- Herrscher aller Reußen, Könige, Kurfürsten, Gothaer und alles Ge- würmâ, das da kreuchet auf Erden und betet zum Himmel, zu dieser freudigen Siegeâgewißheit gelangt, so senden Allerhöchstdieselben allen Akteuren, die so vortrefflich ihre Schuldigkeit gethan, ihren kaiserlichen Gruß und Dank, lassen den Vorhang zum vierten Akte aufziehen und dem beruhigten Publikum die Majestäten von Oesterreich und Preußen in rührendem VersöhnungStableau erscheinen; im Hintergründe maul« schellt Hr. v. Nadowitz den Hrn. v. Manteuffel in gefühlvollem Scherze und flüstert: Du Schäker! Hr. von Gagern empfindet in schleüwig- holsteinscher Majoröuniform Weltschmerz, Wiüisen unterrichtet ihn in der Befestigungskunst, und Hr. Lometsch eröffnet den kurhessischen Landtag. Der Vorhang fällt und rollt zu einem kurzen Nachspiel auf, dessen Schauplatz sich in der Eschenheimer Gasse zu Frankfurt befindet. Gesandten der bundcötreucn Frusten sitzen befriedigt auf ihren restau- rirten Schlaf esseln ; da erscheint ihnen der Geist der Contrerevolution und jagt sie mit einer donnernden Note ihres Herrn und Meisters nach Hause, und die verlassenen Sitze nehmen Hr. v. Nadowitz und Graf v. Thun ein, die Repräsentanten Preußens und Oesterreichs, der deutschen Einheit.
Die Contrerevolution muß daS nachholen, waâ sie nach 1815 und 30 versäumt hat; sie darf nicht auf halbem Wege stehen bleiben und wird eS auch nicht. Heute find bereits alle diejenigen, welche sich nach dem Bundestage sehnen und dafür arbeiten, ebenso anachro- pistische Schwärmer und Wühler, wie diejenigen, bei denen im Früh- jähre 1848 die „demokratische Monarchie" mit republikanischer Central- gewalt eine fixe Idee geworden war. Dem Siege der Contrercvolu- tion gegenüber, dessen letzte Consequenzen sich jetzt von selbst ziehen, wird sogar Hassenpflug bald als Revolutionär dastehcn, und Stüve und Blittersdorf auf eine Linie zu stehen kommen mit Jacobuâ, Venedey und dem Geheimen Obertribunalrath Waldeck. Ja selbst — der Gedanke ist für ein loyales Unterthanengemüth entsetzlich! — selbst Se. königliche Hoheit, unser allergnädigster Landesherr, nebst Dero Vetter Siebten von Würtemberg, Baiern und Bückeburg werden vor dem Vorwurfe eines Wühlers nicht geschützt bleiben und bei der Auf- stellung der Conduitenlisten von den ReaklionschefS in St. Peters- bürg vielleicht dicht neben dem Rcichsregcntcn Vogt und dem UnionS- scribcnten Hrn. v. Siebel ihren Platz angewiesen erhalten. Oder nicht? Die neueste russische Note beweist Hinlänglich, daß die iLtaakS- weisen vom JsaakSvlatze nicht Lust haben, auö konstitutionellem Schick- lichkeitSgesühle die letzte nothwendige Konsequenz der Reaktion fahren zu lassen. Zum Standrechten wird eâ hoffentlich nicht kommen, man wird len Verhältnissen Rechnung tragen, und sich gutwillig mediatisircn lassen.
Noch im Sommer 1849 war die ReichSverfassung, im Frühjahr 1850 die Union und jetzt ist der Bundestag die Revolution. Die Reaktion läuft schnell und wir finden das ganz natürlich. Die Anstrengungen, welche jetzt die kleinen Fürsten machen, um der eisernen Faust der Reaktion zu entrinnen und unter dem Dache deS Bundestages vor ihren Knutenstreichen Schutz zu suchen, kommen unS ebenso komisch vor, wie die Krümmungen und Windungen, mit denen all' die bewußten oder düpirten Werkzeuge deS Despotismus in Frankfurt und Erfurt entschlüpfen wollten, ehe ihnen die Ordre gegeben war: „Ihr könnt gehen!" Der Teufel hält fest, was er einmal gefaßt hat; die HH. von Gotha könnten manches von ihm lernen.
Die ganze Märzrevolution war eine elende Stümperei im Gegensatze zu dem grandiosen ReaktionSwerke, daâ unS bereits in seinen Resultaten vorliegt und in seiner Großartigkeit, in seiner teuflischen Berechnung und Konsequenz bis jetzt einzig dasteht in der Geschichte der geknuteten Menschheit. Aber eben deshalb gibt dasselbe aller Halbheit eine furchtbare Lehre. Ihr reichtet der Reaktion Anfangs nur einen Finger und sie nahm die ganze Hand und den ganzen Menschen mit Leib und Seele. Wie hat man euch benutzt und von einer Position zur andern gedrängt, um euch endlich verächtlich wegzuwerfen, wie einen abgelegten Schuh. Sowie ihr im Vorparlamente rieft: „Nur über unsere Leiche geht die Republik!" — so ruft jetzt Czaär Nikolai: „Nur über meine Bajonette geht der Bundestag!" Fühlt ihr, welche tiefe Kluft zwischen diesen beiden Worten liegt? Eine Kluft, welche eure ReichSverfassung und eure Union verschlungen hat, in die ihr eure Ehre und euren Konstitutionaliemus geworfen habt, und die sich doch nicht füllt, eine Kluft, in welche hunderte und tausende gemoideter Demokraten durch eure Hilfe geschleudert sind, und die ihr dennoch nicht auSgleichen könnt, und stürztet ihr euch selbst hinein! Der „edle" Gagern hat dieses bereits versucht. Der Kämpe deö Malmöer Waffenstillstands will sein Blut für Schleswig-Holstein geben. Fühlt ihr den entsetzlichen Hohn, der darin liegt? Gagern war viel- leicht nur der düpirte, waS soll der bewuß te Mitschuldige thun?
Der Sieg der Kontrerevolution gibt aller Halbheit eine furchtbare Lehre. Blickt hin, ihr Demokraten der honetten Bourgeoisie, auf eure Republiken in Frankreich und der Schweiz! Was ist aus ihnen geworden. Wie hat die Schweiz vor der Reaktion gewedelt und gekrochen, wie pünktlich alle ihre Befehle befolgt, um ihr bischen Lumpen Republik zu retten, — und was hat sie durch ihre Schergen- dienste an den armen Flüchtlingen gewonnen? Sie ist weiter und weiter gedrängt worden und — — wenn die Kontrerevolution die Rechte, welche sie durch die eidgenössische Buhlerei mit dem Absolutismus auf die Bundesrepublik erworben , noch nicht geltend gemacht hat, so lag cS nur daran, daß sie ihre Kräfte einstweilen noch anderwärts besser verwenden konnte. Man wird sie geltend machen, und Neuchatel ist zum Grabe der helvetischen Republik auSersehen. '
Der Sieg der Kontrerevolution gibt aller Halbheit eine furchtbare Lehre. Wir wollen sehen, ob ihr etwas gelernt habt, wenn der Zeitpunkt herangekommen sein wird, wo auch unsere Fürsten unter polizeiliche Aussicht gestellt und mit den ganz irdischen Hochverräthern zusammcngeworfen sind, auf deren Nacken daS GottcSgnaoenthum in Petersburg, Wien und Berlin seinen Thron erbaut hat. Wir werden cd sehen. B.
Deutschland.
* Kassel, 30. August. - Die „WeubeffWe" kündigt -'n ihrer gestrigen Nummer an; der Adrcß Entwurf habe die nö-big'» Leranve- rnngen erlitten (natürlich durch den s>elvenmurh der Rechten), er habe an Schärfe und Kürze gewonnen. Um »feie Strohrevowmage gehörig würdigen zu können, theilen wir den ersten Entwuif der ..dies,«.